Stammbaum aus dem Backenzahn

25. Juli 2007, 12:21
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Ein Forscherteam konnte Erbgut aus einem über 50.000 Jahre alten Zahn eines Mastodons bergen: Dadurch ließen sich die umstrittenen Verwandschafts- verhältnisse der Rüsseltiere klären

Washington - Das Riesending ist zumindest 50.000 Jahre alt. Möglicherweise lag der Backenzahn des Mastodons auch 130.000 Jahre lang im Permafrostboden Alaskas. Jedenfalls war er bei seiner Bergung so gut erhalten, dass es gelang, daraus Erbgut zu gewinnen und dieses auch zu entschlüsseln. Und heraus kam dabei: der komplette Stammbaum der ausgestorbenen und noch lebenden Rüsseltiere.

Dass der Evolutionsbiologie heute solche Wunderdinge möglich sind, liegt an der so genannten mitochondrialen DNA (mtDNA). Das ist jener Teil des Erbguts, der in den Mitochondrien, also den kleinen Kraftwerken jeder Zelle, gespeichert ist.

Für die Paläogenetiker ist die mtDNA ein wahr gewordener Forschertraum: Da sie fast ausschließlich über die mütterliche Linie weitergegeben wird und sich sehr gleichmäßig verändert, kann sie als eine Art genetische Uhr genutzt werden, mit deren Hilfe sich evolutionäre Zeitlinien genauer bestimmen lassen, konkret: wie nahe sich bestimmte Tierarten oder Tierstämme stehen und wann sie ihren letzten gemeinsamen Vorfahren hatten.

mtDNA-Altersrekord

Bislang waren Mammuts und ausgestorbene Moas, flugunfähige Laufvögel aus Neuseeland, die einzigen ausgestorbenen Tiere, deren mtDNA bestimmt wurde. Dass nun auch dieser Teil des Mastodon-Erbguts entschlüsselt werden konnte, bedeutet nicht nur einen mtDNA-Altersrekord. Vor allem konnten damit die umstrittenen Abstammungs- und Verwandtschaftsverhältnisse von Elefanten und Mammuts geklärt werden, indem man ihre jeweiligen mtDNAs verglich.

Wie das Forscherteam aus Berkeley und Leipzig in der Online-Zeitschrift PLoS Biology schreibt, spaltete sich vor 24 bis 28 Millionen Jahren die Entwicklungslinie der Elefanten von jener der Mastodonten ab. Diese urtümlichen Rüsseltiere lebten dann noch bis vor 10.000 Jahren weiter, ehe sich ihre Spuren verloren.

Innerhalb der Elefantenlinie gingen dann vor 7,6 Millionen die Afrikanischen Elefaten und ihre Verwandten getrennte Wege, wobei sich die Afrikanischen Elefanten wiederum in zwei Arten verzweigten: den Steppenelefanten und den Waldelefanten.

Rund eine Million Jahre später folgte dann bei den anderen Rüsseltieren eine Aufspaltung: nämlich in den Asiatischen Elefanten (also den mit den kleineren Ohren) und in die Mammuts. Damit konnten die Forscher eine lange Zeit umstrittene These bestätigen: die nämlich, dass die Mammuts enger mit dem Asiatischen als mit dem Afrikanischen Elefanten verwandt waren.

Ihre neuen Erkenntnisse könnten aber sogar für die Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens von Interesse sein, schreiben die Forscher. Denn interessanterweise fällt die Aufspaltung der Rüsseltiere in ungefähr denselben Zeitraum, in dem sich auch die Entwicklungslinien von Mensch, Schimpanse und Gorilla aufgespalten haben dürften.

Womöglich waren es also bestimmte Veränderungen gemeinsamer Umweltbedingungen, die zu jener Ausdifferenzierung in unterschiedliche Arten führten. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 7. 2007)

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