Im Auto ist man völlig abhängig

24. Juli 2007, 19:10
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Schuld an Verkehrsproblemen seien Fehler der Stadtplanung, meint Verkehrsexperte Hermann Knoflacher im STANDARD-Interview

Schuld an Verkehrsproblemen seien Fehler der Stadtplanung. Parkplätze müssten genauso weit weg sein wie die Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel, sagt Verkehrsexperte Hermann Knoflacher. Die Fragen stellte Denis Dilba.

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STANDARD: Ich möchte zum Gardasee fahren. Wie vermeide ich am besten, dass ich in einen Stau gerate?

Knoflacher: Ganz einfach: indem Sie den Zug nehmen.

STANDARD: Ist das der Lösungsansatz, um dem Verkehrsaufkommen zu begegnen?

Knoflacher: Ja sicher, gar keine Frage - vor allem wenn Sie größere Entfernungen zurücklegen, ist es absolut zweckmäßig, öffentliche Verkehrsmittel zu nehmen. Sie sind effizienter, Platz sparender und sicherer - und außerdem ökologisch verträglicher. Meistens ist man damit sogar auch schneller als mit dem Auto.

STANDARD: Viele Autofahrer fühlen sich ohne ihren fahrbaren Untersatz in ihrer Freiheit beschnitten.

Knoflacher: Die sollten sich erstmal ihrer Position bewusst werden. Im Auto sind sie nämlich völlig abhängig: zuerst einmal vom Erdöl und dann von allen anderen Verkehrsteilnehmern. Was eben im Stau gipfelt. Es gibt meiner Ansicht nach derzeit keine größere Abhängigkeit, als mit dem Auto zu fahren - vielleicht noch die, mit dem Flugzeug zu fliegen.

STANDARD: Woher stammt diese Diskrepanz zwischen der gefühlten Freiheit und der Realität, wie Sie sie beschreiben?

Knoflacher: Das geht zurück in die 30er-Jahre. Da gab es noch freie Fahrt und natürlich deutlich weniger Autos. Das stimmt zwar schon lange nicht mehr, aber diese Falschinformation wird heutzutage noch permanent in der Werbung verbreitet. Gezeigt wird immer eine leere Landstraße in wunderschöner Umgebung, auf der ein einziges Auto herumsaust - und nicht ein Auto im Stau. Das ist nämlich die Realität. Aber anders würde wahrscheinlich kein Mensch mehr ein Auto kaufen.

STANDARD: Aber kommen wir mit dem Auto nicht trotzdem schneller von A nach B als vor 50 Jahren?

Knoflacher: Wir sind zwar etwas schneller, das wird aber aufgehoben, da nichts mehr in der Nähe ist. Deshalb müssen wir schneller sein, sind aber genauso lange unterwegs wie früher. Es ist ein Zwang aus dem Autofahren gemacht worden, weil die Stadtstruktur, bei der wir früher zu Fuß gehen konnten, mit dem Fahrrad gefahren sind oder die öffentlichen Verkehrsmittel genommen haben, immer mehr zerstört wurde.

STANDARD: Schuld am Verkehrsproblem sind also Fehler in der Stadtplanung?

Knoflacher: Ja, sicher. Parkplätze, die mindestens genauso weit weg sind wie die Haltestelle des nächsten öffentlichen Verkehrsmittels, würden Abhilfe schaffen. Dann würde der Mensch wieder eine Wahlmöglichkeit bekommen und nicht einfach ohne zu denken das Auto nehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25. Juli 2007)

Zur Person
Der Villacher Hermann Knoflacher (66), Zivilingenieur, ist Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien.
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