Da stau her

24. Juli 2007, 19:04
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Neue Technologien sollen das Gedränge zwischen Rädern und Auspuffen vermeiden - Ein Förderprogramm soll Anreize für Entwickler intelligenter Systeme schaffen

Viele Verkehrsplaner fordern Autofahrer auf, nicht ins Auto zu steigen, wenn sie Staus ausweichen wollen. Aber auch mit neuen Technologien soll es möglich sein, das Gedränge zwischen Rädern und Auspuffen zu vermeiden. Ein Förderprogramm soll Anreize für Entwickler intelligenter Systeme schaffen.

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Etwas mehr als 2000 Kilometer lang sind alle Autobahnen und Schnellstraßen Österreichs zusammengerechnet. Dagegen stehen laut Statistik Austria rund 4,2 Millionen Fahrzeuge - Lkws und Motorräder nicht gerechnet -, die derzeit um jeden Meter Asphalt auf den Hauptschlagadern des Landes ringen. Das ist bei etwa fünf Metern Länge pro Auto eine Kolonne von 21.000 Kilometern. Und in fahrendem Zustand braucht jedes Auto wegen des Sicherheitsabstands noch mehr Platz.

Die Zahlen lassen die Realität bereits erahnen: Auf Österreichs Straßen ist mitnichten freie Fahrt, sondern zunehmend Stillstand die Regel. "Wir verzeichnen jedes Jahr mehr Autozulassungen, mehr Lkw-Verkehr, mehr Personenverkehr und seit der EU-Osterweiterung auch mehr Durchgangsverkehr in Länder wie Ungarn oder Tschechien", sagt Frank Michelberger vom Infrastrukturministerium (BMVIT). Und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Prognosen bis 2020 sprechen im Güterverkehr von einem Zuwachs von 30 Prozent, im Personenverkehr von 20 Prozent.

Um der Verkehrslawine Herr zu werden, lässt das BMVIT dem Verkehrsbereich nun ein erhöhtes Forschungsbudget zukommen. Das Förderprogramm "IV2Splus - Intelligente Verkehrssysteme und Services plus", abgewickelt von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), soll Verkehrsexperten dabei unterstützen, Lösungen für das drängende Verkehrsproblem zu entwickeln.

"Das Falscheste, was man jetzt tun kann, ist jedenfalls, noch mehr Straßen zu bauen", warnt Hermann Knoflacher, Leiter des Instituts für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der Technischen Universität Wien (siehe Interview). Einzige Lösung sei, den Anreiz zum Autofahren zu mindern. "Wir müssen weg vom Fetisch Auto und auf den öffentlichen Nahverkehr setzen", so der Verkehrsexperte.

Auch Martin Fellendorf, Leiter des Instituts für Straßen- und Verkehrswesen der TU Graz, stimmt dem zu. Ganz so scharf würde er es allerdings nicht formulieren: Er setzt auf ein vernünftiges Miteinander von öffentlichen Verkehrsmitteln und Straßenverkehr. Vor allem nahtlosere Übergänge ohne Wartezeiten beim Umstieg auf den Schienenverkehr seien anzustreben. Automatisierte Umladestationen etwa könnten Spediteure davon überzeugen, mehr auf die umweltfreundlichere Bahn zu setzen.

Strategie des Glücks

Einen weiteren Schlüssel zu einer besseren Ausnutzung der vorhandenen Infrastruktur sieht Fellendorf darin, den Verkehrsteilnehmern bessere Informationen über den Verkehrszustand zu liefern. Dazu müssten die Algorithmen der Navigationsgeräte verbessert werden: Bisher lieferten die Geräte noch relativ statische Daten.

Entscheidend bei der Wahl der optimalen Route sei aber, mit einzubeziehen, wann man fahren möchte: "Bei Stoßzeiten, wie etwa im Feierabendverkehr oder zu Ferienbeginn, ergibt sich eine vollkommen andere Route als sonst", sagt Fellendorf. Logischerweise haben auch Informationen darüber, ob es regnet, schneit oder nebelig ist, großen Einfluss auf die jeweils beste Verbindung.

Eine Routenberechnung nach solch verbesserten Kriterien verhindert nicht zwangsläufig jeden Stau. Denn wenn alle Verkehrsteilnehmer den gleichen Routenvorschlag bekommen, würde es sich dort ebenfalls stauen. Autobahnvielfahrer kennen diesen Effekt und fahren trotz Warnung per Radio in einen vermeintlichen Stau, der sich dann schon aufgelöst hat. "Diese Strategie basiert aber auf Glück", sagt Fellendorf. Haben zu viele Autofahrer den gleichen Gedanken, staut es sich erst recht.

Die Lösung: Abhängig von Position und Verkehrszustand soll nur ein gewisser Prozentsatz der Autofahrer eine jeweilige Route zugewiesen bekommen. So kann sichergestellt werden, dass die Alternativstrecken nicht überlastet werden. Künftig soll so genannte Floating Car Data diese Verkehrsempfehlungen noch genauer machen. Die Idee dahinter: Jedes Fahrzeug funkt seine aktuelle Position und Geschwindigkeit in eine Zentrale, um so den Verkehrsfluss in Echtzeit abzubilden.

Dabei gebe es aber noch rechtliche Hürden, so Fellendorf: Jeder Fahrer müsste bereit sein, zu jeder Zeit seinen aktuellen Standort preiszugeben. Außerdem ist völlig ungeklärt, wer diese Maßnahme zahlen würde. Um diese Probleme zu umgehen, führt Navigationsgerätehersteller TomTom in den Niederlanden einen Versuch durch, bei dem die Verkehrsdaten anonymisiert per GPS-Ortung des Handys ermittelt werden.

"Ein interessanter Ansatz, der auch in anderen Ländern bereits erprobt wurde", sagt Fellendorf. Zwar ist diese Art nicht ganz so genau wie ein Funkchip direkt im Auto, aber immerhin besser als die derzeitige Technologie, bei der hauptsächlich per Induktionsschleifen in der Fahrbahn das Verkehrsaufkommen nur lokal erfasst wird. Diese Sensoren bauen ein Magnetfeld definierter Größe auf - fährt ein Auto darüber, wird das Feld gestört und das Fahrzeug somit detektiert. Auch so genannte Überkopfsensoren, die an Verkehrsüberführungen oder Schilderbrücken angebracht sind, überwachen mithilfe von Mikrowellen, Radar- oder Lasersensoren den Verkehr.

Mit solch genaueren Daten versorgte Navigationsgeräte wären aber im Sinne zukunftsweisender Mobilität am wirksamsten, wenn sie gleichzeitig auch öffentliche Verkehrsmittel mit einbeziehen würden, so der Grazer Verkehrsexperte. Das müsse mit portablen Geräten passieren, und zwar bevor man im Auto sitzt, denn sonst gewinnt die Bequemlichkeit.

Die aktuelle IV2Splus-Ausschreibung läuft noch bis zum 17. 10. Zehn Millionen Euro werden vergeben. (Denis Dilba/DER STANDARD, Printausgabe, 25. Juni 2007)

  • Intelligente Verkehrssysteme sollen eine möglichst freie Fahrt ohne Stau ermöglichen.
    foto: der standard/cremer

    Intelligente Verkehrssysteme sollen eine möglichst freie Fahrt ohne Stau ermöglichen.

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