Der letzte Potter

24. Juli 2007, 19:09
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Ruth Klüger las für den STANDARD den neuesten Potter-Band: "...die Autorin hat sich vielleicht doch zu viel Bedeutungsschwere aufgeladen"

Zwar ist es das letzte Schuljahr, aber aus ist es mit der Schule. Wir schwänzen, wir spielen auch nicht mehr Quidditch, wir haben Wichtigeres zu tun, wollen wissen, was aus Gut und Böse wird, wie unsere Zukunft ausschaut, kurz, wie alles ausgeht.

Ich habe auch diesen Band, wie die anderen sechs, in einem Zug ausgelesen. Angefangen am Samstagnachmittag, irgendwann in der Nacht beiseite gelegt, am Morgen aufgewacht und "Accio Harry Potter" gerufen, worauf der dicke Wälzer sofort in meine Hände rutschte, wie ein guter Haus-Elf vorbereitet für Kuchen und Morgenkaffee. Sonst war eigentlich gar nichts los dieses Wochenende; gelegentlich kam eine E-Mail aus verschiedenen Ländern mit der Frage, wie weit ich denn sei, oder mit dem triumphierenden Aufschrei: "Habe ich nicht Recht gehabt, als ich voraussagte ..." Wie erzeugt die Autorin nur diese Sucht in ihren Fans? Hat die buchbesessene Hermine etwa einen ihrer Zaubersprüche aus komisch verdrehtem Elementarlatein so abgewandelt, dass der Schinken nicht weggelegt werden kann, bevor die letzte der 759 Seiten erreicht ist? Es ist schon bedenkenswert, wie an diesem Wochenende Millionen Leser in der ganzen Welt nichts Besseres zu tun hatten, als sich dieser Kinderlektüre zu widmen.

Dabei ist er wohl nicht der beste der Serie. Er hat wunderbare Passagen und ganze Kapitel, die das Erwachsenwerden in aller psychologischen Komplexität aufscheinen lassen, denn gerade die Kulisse von Magie erhellt das Innenleben dieser 17-Jährigen wie es eine realistische Geschichte kaum könnte, und die übernatürlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, lassen uns tiefer in die Ängste und Unsicherheit dieser Lebensphase blicken, als wenn sie es mit natürlichen und gewöhnlichen Anfechtungen zu tun hätten. Unsere drei Helden, Harry, Ron und Hermine, sind wochen-, ja monatelang miteinander auf der Flucht. Wie sie zusammenhalten und aneinandergeraten, sich auf die Nerven gehen und das Leben füreinander einsetzen, wie sie frieren und was sie träumen - das alles könnte gar nicht so überzeugend sein ohne die Drachen und Riesen und Werwölfe, die Zentauren und die unzähligen magischen Gegenstände, an denen sie sich bewähren müssen.

Mehr noch als in den vorhergehenden Bänden sind Treue und Verrat ein zentrales Thema, genau wie in den großen Epen der Weltliteratur. Das gilt nicht nur für die Freundschaft der drei, sondern auch für die politische Einsatzbereitschaft vieler anderer Figuren. Denn England ist in diesem Buch einer Diktatur unterworfen, die im Begriff ist, das Land fest in die Hand zu bekommen. Die Frage ist, ob unsere Freunde, allen voran natürlich Harry, die Heimat, die sowohl aus Muggles wie Magiern besteht, aus den Klauen der Ungerechten retten kann. Die Ungerechtigkeit manifestiert sich, wie auch früher schon, als die unmenschliche Behandlung aller Nonkonformisten und Andersartiger, hier aber besonders als Unterdrückung der verachteten Muggles. Rassismus und Diskriminierung gegen Minderheiten als ein Übel, das bekämpft und abgeschafft werden muss, war ein Thema aller Potter-Bücher. Aber in diesem letzten wird es so spezifisch angegangen, dass man nicht umhin kann, eine Nazi-Analogie zu entdecken. Da müssen sich zum Beispiel die "Mudbloods", also die Zauberer, die aus Mischehen stammen, bei einem bestimmten Ministerium melden und registrieren. Sie sitzen in sehr kalten Vorzimmern in einer Depression, die nicht einfach ihren Umständen entspringt, sondern von außen, von eigens dazu erkorenen Gefangenenwärtern mit magischen Mitteln verbreitet wird.

Auch diese kennen wir aus früheren Bänden, aber erst hier, in diesem fortgeschrittenen Band, kommen sie voll zur Geltung. Je mehr die Angeklagten von Zauberei verstehen, desto verdächtiger sind sie, denn, laut der Logik des Vorurteils, können sie ihre Kenntnisse ja nur gestohlen haben. Im weiteren Verlauf des Romans löst sich die spezifisch historische Anspielung wieder auf als das Problem aller Menschen, die sich irgendeiner Zugehörigkeiten halber besser dünken als andere. Man kann den Potter-Büchern nicht genug dafür danken, wie sie dieses große Zerwürfnis unseres Zeitalters immer wieder aufgreifen, variieren und anprangern. In Band VII kommen eben auch die Sünden der Zauberer und Hexen, also der Leute, die wir mögen und mit denen wir uns identifizieren, zur Sprache, besonders ihre Überheblichkeit den Kobolden, Elfen und anderen magischen Wesen gegenüber. Dabei ist das Buch ja keine moralische Allegorie, sondern ein Abenteuerbuch, voller Spannung und unverwüstlichem Humor.

Zum Thema Verrat und Treue gibt's noch die Doppelbödigkeit mehrerer Figuren, von denen wir meinten, wir wüssten, was wir von ihnen zu halten haben, und plötzlich haben sie eine ganz andere Seite. Feinde werden Freunde, Bekehrungen zur guten Sache finden statt, mitten im Kampf kommt Rettung von unerwarteter Seite. Und auch die Besten sind nicht sündenfrei und haben Grund zur Reue.

Wir müssen unsere Menschenkenntnis wiederholt korrigieren, was ja tatsächlich bei jungen Erwachsenen laufend der Fall ist. Harry Potters persönliche Aufgabe ist zu lernen, wie man frei wird, und keinem Fremden Gewalt über sich einzuräumen. Dazu muss er sich mit dem Tod auseinandersetzen, mit dem Dahinscheiden geliebter Menschen ebenso wie mit der Möglichkeit des eigenen Todes.

Und hier meine ich, dass sich die Autorin vielleicht doch zu viel Bedeutungsschwere aufgeladen hat und sich übernimmt. Das Buch hat als Epigraph ein längeres Zitat von Aischylos über die unterirdischen Götter. Das passt nicht recht, besonders da im Epilog unseres Buchs die Hogwartsschüler der nächsten Generation auf ihren Zug warten, und ansonsten ein recht bürgerlicher Frieden herrscht.

Der allerletzte Satz lautet: "All was well." Das heißt, auch dieser Harry Potter ist, wenn auch kein richtiges Kinderbuch mehr, so doch ein Jugendbuch, also eine Gattung, die ihre Regeln hat. Rowling hat uns zwar gezeigt, dass sie fast alles in ihrem Hexenkessel unterbringen kann, aber alles eben doch nicht, jedenfalls nicht ohne die tragischen Elemente gründlicher zu verzaubern. Sonst kommt man leicht in Kitsches Nähe.

Aber was soll das Herumkritteln an einem Roman voll atemberaubender Szenen, und zwar einer nach der anderen? Sie alle gipfeln in der großen Schlacht von Hogwarts, wo sich Englands Schicksal zum Guten wendet, wenn es auch Opfer kostet. Rowling hat ihre Fans nicht enttäuscht. Sie hat alle losen Fäden zusammengeknüpft und Antwort auf alle offenen Fragen gegeben.

Allerdings außer einer Frage, nämlich wie sich dieses voluminöse Werk halten wird, jetzt, da wir auf keinen weiteren Band warten. Denn das Warten und das Herumrätseln war ja einer der Anziehungspunkte, der die Gespräche um Harry Potter spritzig und lustig machte. Und nun sitzt diese monumentale Geschichte im Regal, und wer mitreden will und sie noch nicht gelesen hat, wird von vorne anfangen müssen und sicher erschrecken, wie viel Zeit ihn/sie das Lesen kosten wird. Hält Harry Potter das aus? War er nur ein Modeartikel, den wir allerdings jahrelang sehr genossen haben, oder hat er das Zeug zu einem wirklichen Klassiker? Also doch noch eine Zukunftsfrage für dieses erstaunliche Werk. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.07.2007)

Zur Person
Ruth Klüger
, geboren 1931 in Wien, wurde nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert. Davon berichtet sie in ihrem Roman "Weiter leben. Eine Jugend". 1947 emigrierte sie in die USA, wo sie als Professorin für Literatur an Universitäten lehrte.
  • Ruth Klüger
    foto: standard/andy urban

    Ruth Klüger

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