Sondermüll wandert immer weiter Richtung Osten

31. Juli 2007, 23:34
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Ungarns Sondermüll landete im ukrainischen Dorf - Behörden erzählten Bewohnern, sie könnten das Material problemlos zum Bauen verwenden

Giftiger Müll vor der Schule, ungeschützte Teerdeponien unmittelbar neben einem See, Millionenkosten für die Bergung: In der Ukraine kämpft man mit den Folgen illegaler Müllexporte aus Ungarn. Versprechungen der Politik folgen kaum finanzielle Taten.

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Kiew/Wien – "Die lokalen Behörden haben den Menschen erzählt, sie könnten das Material problemlos zum Bauen verwenden", sagt Hanna Hopko, immer noch merkbar empört. Denn der vermeintliche Baustoff, den Bewohner in mehreren Dörfern im äußersten Westen der Ukraine eingesetzt haben, sei in Wahrheit Giftmüll, schildert die junge Mitarbeiterin der Bürgerrechts-NGO Ucan im Gespräch mit dem Standard. Giftmüll, der sechs Jahre lang illegal aus Ungarn in ihr Land gebracht worden ist – und für dessen Entsorgung nun niemand wirklich zuständig ist.

Die Masche dabei sei ständig dieselbe gewesen, berichtet Hopko: Ein ukrainischer Strohmann gründet eine Firma, die als Abnehmer auftritt. Der Giftmüll wird dann falsch deklariert ins Land gebracht, angeblich mithilfe bestochener Beamter, und schließlich irgendwo abgeladen.

1500 Tonnen Pulver

Im Fall der Westukraine waren es 1500 Tonnen, die in den Ortschaften der Region Transkarpatien landeten. Deklariert als "Premix" für die Herstellung von Bremsblöcken, wurden die Kunststoffsäcke mit der pulvrigen dunklen Masse zwischen 1999 und 2005 von Debrecen angeliefert. In eine Fabrik kamen sie natürlich nie. Stattdessen wurden sie mitten in Ortschaften gestapelt. Im Dorf Shom vor dem Schuleingang, anderswo auf Weiden und Plätzen. In einer der betroffenen Ortschaften wurden die Bewohner jedoch misstrauisch und beauftragten eine Analyse des Materials. Das Ergebnis: Die Mischung bestand vor allem aus Schwermetallen wie Blei, Chrom und Nickel.

Keine Rücknahme

Erst nach erheblichem öffentlichen Druck wurden die staatlichen Stellen aktiv. Umgerechnet sieben Millionen Euro kostete es, zehn Eisenbahnwaggons mit dem Sondermüll zu füllen und auf einem Abstellgleis zu lagern. "Doch seitdem passiert nichts", kritisiert Hopko. Ungarn, das aufgrund der "Basler Konvention" zu einer Rücknahme verpflichtet ist, verspreche dies zwar seit Monaten, handle aber nicht.

Ein ähnliches Problem existiert in der Region Lviv, dem ehemaligen Lemberg. Rund 25.000 Tonnen von Rückständen aus der Ölraffinierung durch die ungarische Mol wurden dorthin verfrachtet, berichtet der Rechtsanwalt Dmytro Skrylnikov. "Arbeiter haben diesen Säureteer in Lehmgruben gekippt, die heute nur 15 Meter von einem natürlichen See entfernt liegen." Bei Mol erfolgte auf eine Anfrage des Standard zu diesem Problem keine Reaktion.

Sondermüll wandert immer weiter Richtung Osten

Wie viel Giftmüll in den vergangenen zehn Jahren über die ungarische Grenze gekommen ist und wo er geblieben ist, weiß niemand genau. Es dürften aber tausende Tonnen sein: Denn strengere EU-Umweltvorschriften haben mit dazu geführt, dass Sondermüll immer weiter Richtung Osten transportiert wird, heißt es auch im heuer präsentierten Bericht von ENVSEC, einer Kooperation von UN-Organisationen, OSCE und Nato, die sich mit der Umweltsituation in Mittel- und Osteuropa beschäftigt. Ungarische Firmen schafften den unerwünschten Müll einfach über die Grenze, um die für den EU-Beitritt nötigen Standards zu erreichen. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 25.7.2007)

  • Giftmüll auf der Weide:_In mindestens acht ukrainischen Dörfern wurden Tonnen von Schwermetallrückständen aus Ungarn illegal gelagert. Um die Entsorgung wird gestritten
    foto: skrylnikov

    Giftmüll auf der Weide:_In mindestens acht ukrainischen Dörfern wurden Tonnen von Schwermetallrückständen aus Ungarn illegal gelagert. Um die Entsorgung wird gestritten

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