Reaktionen aus der Kultur: "Ein bisschen geglaubt, dass er ewig lebt"

25. Juli 2007, 10:44
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Jelinek "Leichtigkeit immer bewundert" - Oberender: "Viele verdrängte und schreckliche Dinge sagbar gemacht" - Springer: "Alles, was er angriff wurde zum Theater"

Wien/Berlin - Mit großer Hochachtung erinnert sich die österreichische Dramatikerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek an den verstorbenen Theatermacher George Tabori: "Was ich an seinen Stücken immer bewundert habe, war die ironische Leichtigkeit, mit der er die entsetzlichsten Dinge gefasst hat", sagte die Autorin. "Wie Diamanten in Papier, und sie bleiben trotzdem an Ort und Stelle."

Tabori habe die Dinge am Theater in der Schwebe lassen können, "mit einer unglaublichen Souveränität und einem bösen Sarkasmus, der einem unbegreiflich geblieben ist, den man nur bewundern konnte. Er hat mich immer an Charlie Chaplin erinnert, der mit der Weltkugel spielt, die völlig schwerelos ist."

Jelinek erinnerte an die Zusammenarbeit mit Tabori in dem Stück "Stecken, Stab und Stangl" 1997 am Wiener Burgtheater: "Einem Menschen, der ein Schicksal wie seines gehabt hat, brauchte man nichts zu erklären. Er hat alles gewusst". In dem Stück thematisierte Jelinek den Mord an vier Roma in Österreich 1995. "Es war ein unausgesprochenes totales Einverständnis zwischen uns, dass dieses Stück auf die Bühne gebracht werden sollte", erinnerte sich Jelinek. Die Autorin ging in dem Stück, das zu einem der wichtigsten Inszenierungen der Ära Peymann am Wiener Burgtheater wurde, mit der österreichischen Gesellschaft und den Boulevard-Medien hart ins Gericht. Sie wurde ihrerseits heftig dafür angegriffen.

"Theaterwundermann"

Der Direktor des Wiener Volkstheaters, Michael Schottenberg, bezeichnete Tabori als "Theaterwundermann". Er habe "aus dem Nichts alles gezaubert. Schwarzer Vorhang. schwarze Bühne, ein paar Sessel, ein Tisch. Die Schauspielerinnen und Schauspieler rund im ihn - wie ein magischer Kreis. Wir hatten das Glück, dass er mit uns am Volkstheater die 'Tabori-Variationen' erarbeitet hat, es waren wohl seine letzten Proben, aktiv, auf der Bühne im Zuschauerraum. Er war glücklich noch einmal in Wien zu sein", so Schottenberg.

"Wir waren es auch. Wir haben viel geweint und viel gelacht während dieser Arbeit. Wir haben unendlich viel von ihm gelernt - und seine Weisheit und Liebe erfahren." Schottenberg würdigte Taboris "wunderbare, unvergleichliche Art Inszenierungen wachsen zu lassen" und dessen "umfassende Toleranz und Deine humorvolle Menschlichkeit". Und "wenn wir nicht weiter wissen, werden wir mit Dir Zwiesprache halten, so wie Du es immer getan hast - mit 'IHM'. Machs gut und inszeniere weiter, da oben oder rund um uns oder wo immer Du bist."

>>> "Seine Humanität und Weisheit waren einzigartig in der Theaterwelt"

"Seine Humanität und Weisheit waren einzigartig in der Theaterwelt"

Betroffen haben Burgtheater-Direktor Klaus Bachler und Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer den Tod von George Tabori aufgenommen. "Die Humanität und Weisheit Taboris waren einzigartig in der Theaterwelt", so Bachler. "Unser Metier ist mit seinem Tod ärmer geworden. Die Großzügigkeit seiner Kunst und seines Herzens werden wir schmerzlich vermissen."

"Alles, was er angriff wurde zum Theater"

"George Tabori wollte nicht Künstler, nicht Regisseur, sondern immer nur Macher, Spielmacher, Theatermacher sein. Und das war er auch, und was für einer!", meinte Bundestheater-Holding-Geschäftsführer Georg Springer in einer Aussendung, "Im Inszenieren und im Schreiben war er höchste Instanz, einer, um den das Theater - das Wiener, europäische oder internationale - einfach nicht herumkam, herumkommen konnte und auch wollte. Durch seine immer weise, immer humorvolle und unaufdringliche Art, seine durch und durch theaterbesessene Sicht der Welt wurde praktisch alles, was er angriff, zum Theater, alles, was er wahrnehmen wollte, zur Bühne."

Tabori sei "auch in politischen, gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Belangen (...) immer höchste Instanz" gewesen, "eine Stimme der Vernunft, die zwar immer leise, aber immer eindringlich und unüberhörbar sprach. Er hat Wien und sein Theater wohl mehr geprägt, als wir uns heute in Wehmut und Trauer überhaupt vorstellen können. Versöhnlich, dass unser Theater vieles von seinem Geist und seiner Seele weiter in sich tragen wird!", so Springer, "Ein Theater ohne Tabori? Das erschien uns immer und erscheint uns gerade heute unmöglich. Allein deshalb werden wir ihn in unseren Herzen bewahren."

"Ein bisschen geglaubt, dass er ewig lebt"

"Obwohl Claus Peymann schon gesagt hat, dass es George Tabori wirklich schlecht geht, ist diese Nachricht furchtbar und erschreckend." Das sagte Thomas Oberender, Chef des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen, unmittelbar nach Bekanntwerden des Todes von George Tabori. "Sehr traurig" hat auch der ehemalige Leiter des Wiener Schauspielhauses, Airan Berg, die Nachricht zur Kenntnis genommen. "Wir haben ja schon ein bisschen daran geglaubt, dass er ewig leben wird."

"Viele verdrängte und schreckliche Dinge sagbar gemacht"

"Tabori hat mehr als jeder andere Künstler im deutschsprachigen Raum für eine Begegnung der Deutschen und Österreicher mit ihrer eigenen Geschichte gesorgt", sagte Oberender. "Absolut ohne versöhnlich zu sein, hat er ein Ventil geöffnet und auf dem Weg des Humors und des Lachens viele verdrängte und schreckliche Dinge sagbar gemacht, die uns eigentlich noch immer im Halse stecken bleiben müssten." Damit habe Tabori viel "zur Demokratisierung der deutschen und österreichischen Nachkriegsgesellschaft und vor allem zur Demokratisierung der Seelen und Geister" beigetragen.

Tabori habe "schrecklich gut getan, wir werden ihn vermissen", meinte Oberender, der den Theatermann schon zu Lebzeiten als eine unangreifbare Legende empfunden habe. "Zugleich war er ein charmanter und bis ins hohe Alter anregender Geist. Unvergesslich zum Beispiel bleibt mir die Inszenierung des Stückes 'Mein Kampf' in der ehemaligen DDR. Ich bin mir sicher, dass nie zuvor in Ostberlin derart über Hitler gelacht worden ist."

Hat mit 70 Jahren noch "jüngeres Theater gemacht hat als viele jüngere Kollegen"

Auch Airan Berg lobte die Theaterpraxis des noch bis ins hohe Alter aktiven Tabori, der Ende der 80er Jahre am Schauspielhaus mit 70 Jahren noch "jüngeres Theater gemacht hat als viele jüngere Kollegen." Durch seine "unkonventionelle Arbeit am Haus konnte man bei jeder Aufführung Neuland entdecken", meinte Berg. "Das Wichtigste war der laborhafte und prozesshafte Arbeitsstil." Dieser gänzlich andere Zugang zum Theaterspielen habe sich so wohltuend von den meisten deutschsprachigen Theatern unterschieden, die sich eher "als Fabriken des Viel-Produzierens" verstünden. Daher sei Tabori auf jeden Fall ein Vorbild für ihn gewesen. (APA/dpa)

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