Das Glück ist ein Aphorismus

24. Juli 2007, 14:06
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George Tabori erinnert sich an seine Jugend

Glück ist, wenn der Schmerz aufhört", definiert George Tabori bei mancher Gelegenheit jene Pole, zwischen denen sich sein Leben wie sein Schreiben in extremis bewegen, in Balance gehalten durch seinen tatsächlich weisen Humor. Wobei der Schmerz den Partner gibt, dem Tabori in gelassener Nonchalance, wie er sie in frühen Jahren als Lehrling im Berliner Nobelhotel Hessler gelernt haben dürfte, Augenblicke des Glücks entlockt - nicht zuletzt, um sie anderen zu offerieren.

Weil das Glück sich aber naturgemäß schnell verflüchtigt, ist Taboris Form die Kürze. Das Glück ist ein Aphorismus und George Tabori ein begnadeter Aphoristiker. Weshalb auch seine nun vorgelegten "Erinnerungen" in einem schmalen Bändchen auf neunzig luftig bedruckten Seiten Platz finden.

In Kurz- und Kürzestszenen stellt Tabori darin die Menschen vor, die seine Kinder- und Jugendjahre im ungarischen Budapest begleiteten, bevor Nationalsozialismus und Krieg ihn nicht nur des Vaters beraubten, der in Auschwitz vergast wurde, sondern auch des Landes und der Sprache. Bis heute schreibt Tabori in Englisch, dem Idiom des Exils.

Mit lockerer Hand reiht er Begebenheiten, deren situativer Witz seinen Zeitgenossen eine Weisheit leiht, vor deren Charme die strenge Frage nach der Wahrheit verstummt. Tabori ist ein Verführer, kein Berichterstatter. Ein Dichter, nicht Literaturwissenschaftler wie der belesene Bruder Paul, in dessen Londoner Haus sich die Bücher fünf Stockwerke hinauf bis zum Arbeitszimmer in die Höhe stapeln, bis er eines Tages bei der Besteigung des Weisheitsberges tot zusammenbricht. Nicht Reporter wie sein Vater Cornelius, der Taboris Geburt im Frühsommer 1914 versäumte, weil er den Kronprinzen Franz Ferdinand und dessen Frau nach Sarajewo begleitete. (Und den später nicht energischer zur Flucht aus Budapest gedrängt zu haben, sich der Sohn bis heute vorwirft.)

Ihnen beiden und der sanften, klugen Mutter widmet Tabori eigene, lange Kapitel, die über die Hälfte des schmalen Werks einnehmen. Und in die sich diverse weibliche Verwandte und Angestellte drängen, dem Knaben George des Lebens Körper nahe zu bringen. Eine "stumme Operette" der Freuden, der Tabori bewusst den Vortritt gönnt vor dem zeitgeschichtlich dröhnenen Grundton marschierender Stiefel. Übertitelt aber sind die erinnerten Momente des Glücks ambivalent Autodafé - mit jenem ,Akt des Glaubens', der de facto in eine Hinrichtung Andersdenkender mündete. (Cornelia Niedermeier, Album, DER STANDARD, Printausgabe vom 14./15.12.2002)

George Tabori, Autodafé. Erinnnerungen.
Aus dem Amerikanischen von Ursula Grützmacher-Tabori.
€ 16,-/96 Seiten,
Wagenbach, Berlin 2002.
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