Nachlese: Wach sein. Wahr sein.

24. Juli 2007, 13:59
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Eine Liebeserklärung von Ronald Pohl an George Tabori aus Anlass seines 90. Geburtstags im Mai 2004

Berlin - In seinem schmalen Großstadtroman Son of a bitch - den man auch als angelsächsisches Selbstporträt auffassen könnte - vermittelt George Tabori eine schlagende Einsicht: "Der große G. ist tot, berichtet Time Magazine", fängt der Autor an, "irgendein deutsches Schwein, wer denn sonst, namens Nietzsche, hat ihn umgebracht."

Schlimm genug, könnte man meinen. Da sich die Verbreitung dieser bestürzenden Nachricht aber am Frühstückstisch einer jüdischen Versicherungsvertreterfamilie zuträgt, knüpft sich daran eine Erörterung mit der Ehefrau: "Heutzutage sterben Leute, die früher nicht gestorben wären." - "Gott? Ich wusste gar nicht, dass er krank war!"

Das Geschenk, das der weise, aus Budapest stammende Kosmopolit Tabori an sein Publikum entrichtet hat, liegt in der Trost spendenden Einsicht dieses achselzuckenden, niemals zynischen "Na und?".

Das sichere Wissen um Gottes Tod, gipfelnd in der Sinn zerstörenden Erfahrung des Holocaust, hat diesen Talmudisten ohne Schrift nicht an den Abgrund der Verzweiflung geführt - an sich schon eine Großleistung -, sondern zum denkbar großzügigsten unter den Menschen gemacht: zum Anwalt aller Verlorenen. Selbst um den Preis, dass in der Heerschar der zu Lebzeiten Verdammten ein gewisser Adolf Hitler sich befände.

Als sich nämlich Tabori Anfang der 30er zu Ausbildungszwecken in Berlin aufhielt, sah er sich in der U-Bahn einem Leser des Völkischen Beobachters gegenüber, der die Zeitung jäh sinken ließ und "Heil Hitler!" brüllte. Da der Hoteliersstudent aber gerade einen guten Arzt wusste, gab er die Adresse an den Brüller fürsorglich weiter: Der Doktor wisse bestimmt, wie man diesen Hitler heilen könne . . .

Gewundene Wege

Der Künstler Tabori war auf seinen zahlreichen Lebensstationen in Istanbul, Palästina, Los Angeles, New York, Bremen, Wien oder Berlin stets Dilettant im Wortsinne: Anteil nehmender Beobachter eines korrupten Weltzirkusses, dessen Raubtiere und größenwahnsinnige Dompteure man begütigend streicheln muss, um sie zu dem zu machen, was sie auch sind: Geschöpfe, die angeborene Talente und erworbene Einsichten besitzen, deren Reißzähne man abfeilt, damit sie einem aus der Hand fressen können. Und so nimmt es nicht wunder, dass in den Myriaden von Anekdoten, die Tabori um sich streut wie den betörenden Nebel eines irgendwie rettenswerten 20. Jahrhunderts, die großen Männer immer klein sind, ihre Kleinlichkeiten aber nie gewöhnlich.

Tabori schrieb einmal, während eines für ihn wichtigen Jahrzehnts, Drehbücher in Hollywood. Er erzählte, wie Bertolt Brecht und Charles Laughton vor ihm auf kalifornischer Nadelstreu im Wald saßen. Brecht stank fürchterlich nach Zigarren, beklagt er. Die Größe dieses Titanen ermisst man aber an folgendem Umstand: Er verschwand im Gehölz "mit einer schwedischen Blondine" im Arm. Das wahre Glück liegt im törichten, wunderbaren, ewig menschlichen Augenblick. Und so hat man Tabori immer auch missverstanden. Ist seinen Theaterangeboten in Deutschland nur zögerlich begegnet, als er eine verschworene Truppe um sich sammelte, mit ihnen Gestalttherapie und "Lee Strasberg" trieb, sie zu Hungerkuren motivierte und so für den wahren Menschenzirkus wappnete.

An Peymanns Wiener Burg fühlte er sich erstaunlich wohl. Er zog sich auf den Proben zusehends zurück. Weil er niemandem etwas vorschrieb, hätte man ihn für schlafend halten können. Er ruhte nur in sich: im Wissen, dass man gütig sein muss. Heute - er inszeniert am Berliner Ensemble und schreibt noch immer seine wunderlichen, zum Weinen komischen Stücke - sitzt er, klein und wach und wahrhaftig, ein schmaler, schöner Greis, am Rand der Bühne - und erhält von den Schauspielern das Bestmögliche zurück, was seine Großzügigkeit ihnen vermacht hat.

Gott mag tot sein (wenn man so will). Tabori aber lebt. Er feiert heute, unter anderem im Rahmen einer Großgala am BE, seinen 90. Geburtstag. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 5. 2004)

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