Weisheit und Magie in "Schottis" Küche

24. Juli 2007, 13:36
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Das Volkstheater ehrte George Tabori im Herbst 2006 mit der Hommage "Tabori-Variationen": In seinem letzten STANDARD-Interview bedauerte dieser, mit Claus Peymann nach Berlin gegangen zu sein

Wien - George Tabori sitzt mit hellen Augen vor der großen Portalbühne des Wiener Volkstheaters: Assistenten lesen ihm kaum geäußerte Wünsche von den Lippen, und sein so freundlicher Blick streicht geduldig über die geschäftigen Menschenkinder rund um ihn. Mit zwei Text-Potpourris am 20. und am 30. Oktober ehren Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg und dessen Schauspielteam den größten lebenden Theatermacher - der, wie so oft in den vergangenen Jahren, am Bühnenrand in einem hohen, schweren Lehnsessel sitzen wird, begütigend dreinblickend, vielleicht auch ein wenig abwesend, als ginge ihn die bizarre, erschütternde Poesie seiner Texte wie Mutters Courage oder Mein Kampf nicht wirklich etwas an. Die wunderbare Aura des 92-Jährigen ist der letztmögliche Nachhall auf die Idee der Theodizee: Ein unendlich liebenswürdiger Gott starrt auf die Kinder rund um ihn. Und siehe: Um ihm zu gefallen, spielen sie göttergleich.

Nach einer Probe beginnt er unvermittelt über sein Leben zu sinnieren . . .

Tabori: Ich bin so gerne in Wien. Claus Peymann hatte mich 1999 gefragt, ob ich mit ihm nach Berlin gehe, und ich sagte: "Warum nicht?" Am nächsten Tag traf mich Klaus Bachler in der Fußgängerzone bei der Gentzgasse. Ich musste ihm sagen, dass ich Peymann bereits zugesagt hatte - und ich habe es von Herzen bedauert. Wien ist mir nahe. Selbst mit Budapest, wo ich doch aufgewachsen bin, habe ich nichts zu tun.

STANDARD: Sie waren doch bereits in den 30er-Jahren in Berlin. Haben Sie zu dieser Stadt denn kein Naheverhältnis aufgebaut?

Tabori: Ich habe in acht verschiedenen Ländern gewohnt: in Sofia, Istanbul, Kairo, London, New York und so weiter. Aber ich habe mich nirgendwo beheimatet gefühlt. Ich habe auch keine Verwandten mehr. Oder doch: einen Cousin, dessen Mutter eine Cousine meiner Mutter war. Jede Stadt ist - Welt. Obwohl: London habe ich wirklich geliebt.

STANDARD: Sie arbeiten am Berliner Ensemble, dem ehemaligen Brecht-Theater, das nunmehr von Claus Peymann geleitet wird. Sie kannten Brecht gut: von Kalifornien her. Ist der große BB vor Ort noch existent? Spüren Sie in Berlin noch seine Aura?

Tabori: Peymann hat doch sehr viel Brecht gemacht! Ich habe ihn sehr gern gehabt - habe auch eine Produktion herausgebracht, die mein einziger Erfolg in Amerika war: Brecht on Brecht, das lief acht Jahre lang. Und übersetzt habe ich ihn. Es gibt leider den italienischen Spruch, dass jede Übersetzung eine Verfälschung sei! Ich habe zum Beispiel Arturo Ui übersetzt - leider falsch. Jetzt habe ich in Berlin seine Antigone gemacht - nicht seine beste Sache! Das hängt natürlich an den Zeitbedingungen: Brecht schrieb das Stück 1944.

STANDARD: Der Kommunist Brecht ist jedenfalls kein Thema mehr?

Tabori: Vor dem "Ausschuss gegen unamerikanische Umtriebe" hat er geäußert: "Nein, ich bin kein Kommunist." Ich glaube, am wichtigsten für ihn waren er selbst und seine Bedürfnisse. Seine Frau, Helene Weigel, war wohl Kommunistin.

Aber kommen wir auf den Cousin zurück: Ich habe ihn dieser Tage getroffen! Ich habe es so formuliert vor einigen Jahren: Ich besuche eine Woche lang jede Stadt, in der ich gelebt habe - Sofia, Istanbul, Jerusalem, Los Angeles. Und dann sage ich, was sich geändert hat.

STANDARD: Hat sich Wien markant verändert in den letzten Jahren?

Tabori: Wohin bin ich denn überall gegangen? In die Buchhandlung Shakespeare & Company, dort war ein Bekannter früher - nicht mehr da. Von dort ging ich ins Lokal Salzamt, später in das Café Landtmann. Dort hat mich ein Herr erkannt und mich gefragt: Wie geht es Ihnen, Herr Tabori? Die Gegend hier um das Wiener Volkstheater kenne ich gar nicht gut. Aber es bedeutet mir etwas ganz Besonderes, hier zu sein. In Berlin habe ich zu Peymann immer gesagt: "Warum sind wir nicht in Wien geblieben?" Ich wäre lieber hier. Aber es ist schwer: Meine Frau Ursula Höpfner spielt in sechs Produktionen am BE. Ob sich viel geändert hat? Ich gehe über die Straße ins Café Raimund. So etwas Typisches und Schönes gibt es in Berlin nicht. Meine Tochter besucht mich jedes Jahr ein oder zwei Tage. Die einzige Gelegenheit für mich, Englisch zu sprechen. Ich gerate heute schon ins Stottern, wenn ich Englisch spreche.

STANDARD: Sie äußerten vor einiger Zeit noch den Wunsch, "König Lear" zu inszenieren.

Tabori: Der Lear ist mein Lieblingsstück! Ich habe in der Vergangenheit kleine Annäherungen probiert, Lear's Schatten und so weiter. Nichts Richtiges. Dann habe ich Peymann gebeten: Lass mich den Lear als Letztes machen, dann bin ich schon 92, 93. Keine Antwort. Ihr in Wien macht ihn ja jetzt - mit Gert Voss. Den hätte ich gerne als Lear gehabt. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2006)

Zur Peson
George Tabori
(92), Kind einer ungarischen jüdischen Familie, hat seinen Vater und zahlreiche Verwandte in Auschwitz verloren. Seine abenteuerlichen Stücke und Texte lehren, wie absurder Witz zum allerletzten Weisheitsmittel im Kampf um das Überleben wird.

Taboris abenteuerliche Vita führte ihn von der Alten in die Neue Welt, wo er nicht nur zahlreiche Emigranten kennen lernte, sondern allmählich sich auch dem Drehbuch- und Theaterschreiben annäherte. Seit den 70ern erarbeitete er in Deutschland, später auch in Wien Theaterlaborformen - und wurde zum gefeierten Regisseur.
  • George Tabori betreut die Inszenierung seiner Texte: "Die Gegend hier um  das Wiener Volkstheater kenne ich gar nicht gut. Aber es bedeutet mir etwas ganz Besonderes, hier zu sein."
    foto: standard/newald

    George Tabori betreut die Inszenierung seiner Texte: "Die Gegend hier um das Wiener Volkstheater kenne ich gar nicht gut. Aber es bedeutet mir etwas ganz Besonderes, hier zu sein."

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