Das Nass der nahen Nachbarn

25. Juli 2007, 00:09
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Die grenznahen burgenländischen Gemeinden haben einen Weg gefunden, die Defizite ihrer Freibäder deutlich zu verringern

Sie werben dafür im noch bäderarmen Westungarn. Und die Ungarn lassen sich da nicht zweimal bitten.

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Schattendorf - Zufrieden schaut Alfred Grafl von der Terrasse über das Gewurl halbnackter Körper. Gut, es ist heiß. Ein gefülltes Freibad ist daher für niemanden eine Überraschung - außer man heißt Alfred Grafl und ist Bürgermeister der burgenländischen Grenzgemeinde Schattendorf. Denn als solcher würde man ja wissen: "Das war immer so eine Art Club-Bad." Ein paar Stammgäste aus dem Dorf und eventuell noch aus dem benachbarten Baumgarten/Pajngrt. Das war es schon.

Jetzt ist das in Schattendorf ganz anders, nicht nur, weil es wirklich heiß ist. Im Frühsommer hat die Gemeinde im Soproner Magazin Tópart (Seeufer) die vierte Umschlagseite als Werbung fürs Schattendorfer Freibad genutzt. Und seither, sagt Alfred Grafl, sei das "wie eine Springflut". Denn in Sopron gibt es kaum ordentliche Badegelegenheiten. Jedenfalls keine, die über eine so schöne Kleinkinderriesenrutsche und einen Fünf-Meter-Sprungturm verfügt.

Das Inserat in dem ungarischen Magazin ist keine Einmalaktion. Es ist Teil einer im Gemeinderat unumstrittenen, grenzüberwindenden Strategie - durchaus nicht immer unter dem Jubel der Leute. Aber: "Wenn die Alten nach Sopron fahren, dann sagen sie immer noch: Wir fahren in die Stadt. Und der Ortsteil da" - der SP-Bürgermeister zeigt vom Badetrubel weg ins Restaurant hinein - "heißt ja nicht umsonst Vorstadt."

Zwei Parkplätze

Seit heuer gibt es, praktischerweise gleich beim Bad, einen Grenzübergang. Von dort führt ein Feldweg die zwei Kilometer nach Ágfalva/Agendorf, einen Vorort von Sopron, hinüber.

Als die Raaberbahn ihren Gleiskörper erneuerte und Abnehmer für den Schotter suchte, war klar: Die Schattendorfer geben das Geschenk an den Nachbarn weiter. "Wir haben es gemeinsam sogar geschafft, dass fünf Tage lang die Grenze für den Bagger und die LKWs offen war." Jetzt hat das Schattendorfer Bad zwei Parkplätze. Dass jener auf ungarischer Seite nicht ungenützt bleibt, dafür sorgte der Gemeinderat: "Wir wollten nicht zwei Tarife. Also haben wir die Eintrittspreise gesenkt."

Schattendorf ist keineswegs die einzige Freibadgemeinde, die sich offensiv den ungarischen Nachbarn öffnet. Begonnen hat damit schon vor Jahren Gerhard Steier (SP), der Bürgermeister von Siegendorf/Cindrof, der sein Bad um zwei Millionen Euro herrichten ließ und es nun in Ungarn auch im Radio bewirbt.

Ganz so wie Manfred Kölly, der Ortschef von Deutschkreutz. "Mittlerweile", sagt er, "sind 70 bis 80 Prozent unserer Gäste Ungarn."

Die Bürgermeister der drei - Sopron quasi umlagernden - Gemeinden sehen das als Teil einer weit größeren Geschichte. Auch für Kölly, den früheren Klubobmann der FPÖ im Landtag, ist es unbestritten, dass Deutschkreutz und Sopron zusammenwachsen werden. Zuletzt retteten ungarische Kinder - die der Chef der Blaufränkisch-Gemeinde umwarb - seine Hauptschule, die wegen sinkender Schülerzahlen gefährdet war. Insgesamt "wollen wir das Grinzing von Sopron werden". Ähnliches haben auch Schattendorf und Siegendorf im Sinn.

Die Dorfleut' würden das akzeptieren, sagt Alfred Grafl.

"Servus", sagt eine Dame im Bikini, "was hast denn mit dem Bad gemacht?" Alfred Grafl zeigt ihr das ungarische Magazin. Die Dame versteht: "Da bin ich jetzt extra von Siegendorf immer hergekommen. Und jetzt hör ich auch da überall nur: igen, igen, igen." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD - Printausgabe, 24. April 2007)

  • Das Deutschkreutzer Bad ist, wie man sieht, auch ein Soproner Bad.
    foto: standard/matthias cremer

    Das Deutschkreutzer Bad ist, wie man sieht, auch ein Soproner Bad.

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