Kirche, Gstanzlsingen und Luftmatratzen-Kultur

23. Juli 2007, 14:08
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Attwenger-Hälfte, Markus Binder, im STANDARD-Interview über schön ordentliche Oberösterreicher, aufgeblasene Kultur-Hütten und Polit-Strampler ohne Grandezza

STANDARD: Was fällt Ihnen spontan zu Oberösterreich ein?

Binder: Von Kroatien aus, wo ich gerade Urlaub mache, würde ich sagen, die Oberösterreicher sind ganz schön ordentlich. Sonst fällt mir ein: viel Kirche mit langen Schatten, hohe Shopping-Dichte. Linz hat eine gute Infrastruktur, ein nettes Schwimmbad ...

STANDARD: Und wie lebt es sich als Künstler in Oberösterreich?

Binder: Kommt darauf an, wie man den Kulturbegriff definiert. Kultur bedeutet für mich Disput, Auseinandersetzung. In Linz scheint mir das eher so zu sein, dass, so wie Urlauber Luftmatratzen aufblasen, eine Kleinstadt ihre Kulturgüter aufbläst wie das Lentos oder das Ars Electronica Center. Da stehen repräsentative Hütten, die großteils mit repräsentativer Kunst gefüllt sind. Was Linz deutlich von anderen Städten unterscheidet: Wenn Hitler und sein Architekt Speer noch leben würden, hätten sie ihre Freude, wie die in Linz ihre Brückenköpfe mit "Lichtdom"-Scheinwerfern anleuchten: Nazi-Architektur im rechten Licht, und das im Jahr 2007. Die Stadt macht daraus eine Touristenattraktion, aber nicht ein Mahnmahl und protzt mit der Unfähigkeit, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.

STANDARD: Das europäische Kulturhauptstadtjahr 2009 könnte doch Gelegenheit sein, progressiv die Vergangenheit aufzuarbeiten?

Binder: Ich habe bisher eher den Eindruck, dass irgendwie nur "Kultur für alle Projekte" initiiert wurde. Das Leitprojekt ist anscheinend der Hubert von Goisern, der jetzt quasi das 27. völkerverbindende künstlerische Projekt aufführt, wo man die Donau entlangfährt und alle beglückt mit Mainstream-Musik. Ich möchte kein Rumäne sein und die Landung des Christoph Kolumbus Hubert von Goisern miterleben.

STANDARD: Das klingt aber alles sehr düster. Man hat den Eindruck, dass sie gar nicht so gern als Oberösterreicher bezeichnet werden wollen?

Binder: Ich unterscheide schon zwischen Linz und Oberösterreich. Die freie Szene, das wissen wir Musiker schon zu schätzen, hat eine sehr hohe Dichte an Veranstaltungen. Und jeder weiß, dass es gar nicht so leicht ist, über Jahrzehnte hinweg einen so vitalen Kulturbetrieb wie in Ebensee oder Freistadt aufrechtzuerhalten. Da steht Oberösterreich viel besser da als Niederösterreich. Auch Attwenger sieht sich sehr wohl als eine oberösterreichische Band. Wir haben den Dialekt und greifen deshalb musikalisch auf Oberösterreich zurück, weil wir die kritische Qualität in der traditionellen Musik entdeckt haben. Etwa "Gstanzlsingen", das ist ein Medium, seine Meinung öffentlich in musikalischer Form zu äußern. Diese Elemente der traditionellen Musik haben wir auf einen zeitgenössischen Level gebracht.

STANDARD: Merken Sie eigentlich, dass seit fast vier Jahren in Oberösterreich erstmals die Grünen mitregieren?

Binder: Nein. Die einzige Veränderung, die ich mitkriege, ist, dass der rote Haider in Opposition sehr strampelt, um sich gegen die Schwarzen durchzusetzen. Aber irgendwie fehlt ihm die Grandezza einer Gabi Burgstaller, die es geschafft hat, im erz-schwarzen Salzburg zu reüssieren. (Interview: Kerstin Scheller/ DER STANDARD, Printausgabe 21./22.7.2007)

Zur Person

Markus Binder (44) bildet seit 1990 mit Hans-Peter Falkner das Linzer Mundart-Musik-Duo "Attwenger". 2005 ver- öffentlichte Binder sein erstes Buch "Testsiegerstraße".

  • Attwenger-Gstanzl zum Tag: "Gestan und heid hod de Sun so sche gscheint. Hod nu nia so sche gscheint ois wia gestan und heid": Markus Binder.
    foto: paul kranzler

    Attwenger-Gstanzl zum Tag: "Gestan und heid hod de Sun so sche gscheint. Hod nu nia so sche gscheint ois wia gestan und heid": Markus Binder.

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