Unis dürfen nicht mit Firmen verwechselt werden

25. Jänner 2008, 15:21
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Semper reformanda: Nachbesserungen zum Universitätsgesetz - von Herbert Hrachovec

Universitäten sind, anders als Eliteeinrichtungen, eine Mischung aus Ehrgeiz und Massenbetrieb. Sie bieten ein Übergangsklima: erstklassige Forscherinnen treffen auf Maturanten; die Institution lebt vom Qualitätsanspruch und von den ausgefransten Beiträgen des Lehr- und Lernkörpers. Entsprechend vielstimmig sind die Stellungnahmen zur beabsichtigten Novelle des UG 2002 ausgefallen, welches die Universitätslandschaft nachhaltig verändert hat. Die Parteien, die Rektorinnen, die Hochschülerinnenschaft und die Gewerkschaft sind mit von der Partie. Ich diskutiere drei Themenbereiche, auf welche bei der Gesetzesänderung besonders geachtet werden sollte.

Organisationsstruktur

Bisher schreibt das Gesetz eine strenge Steuerung vor. Es gibt ein Rektorat und "Organisationseinheiten", die beispielhaft aufgezählt werden: Departments, Fakultäten, Institute. Das läuft unter dem Schlagwort "flache Hierarchie" und ist eingeführt worden, um den Universitätsleitungen den Durchgriff auf die "Basis" möglichst einfach zu machen. Es soll keine Separatismen in einzelnen Fachbereichen geben können. In der Begeisterung für starke Führungskräfte ist übersehen worden, dass sich Hochschulen aus wenigen 100 Angestellten von solchen unterscheiden, die tausende Forscherinnen beschäftigen und zehntausende Studierende betreuen. Für sie ist die flache Hierarchie unpraktikabel, sie müssen Zwischenformen ausbilden, die nicht im Sinn des Gesetzes sind. In einem allgemeinen Betriebsorganisationsgesetz wird wohl niemand vorschreiben, dass Firmen unterhalb der Führungsetage genau eine entscheidungsbefugte Instanz haben dürfen. Entsprechend sollte diese Bevormundung auch im UG 2002 gestrichen werden.

Leitungsgremien

Zur Feinabstimmung der Kompetenzen zwischen Universitätsrat, Rektorat und Senat sind verschiedene Vorschläge gemacht worden. Einige zielen darauf ab, das Übergewicht der Betriebsführung etwas besser auszubalanzieren. Wenn man es schon in diesen Begriffen formuliert, scheint der Ausweg nahe zu liegen: Aufwertung der Betriebsräte. Als ehemaliger Betriebsrat habe ich nichts gegen eine Stärkung dieser Institution einzuwenden, es ist aber darauf hinzuweisen, dass die Entwicklung im Anschluss an das UG 2002 einen seltsamen Verlauf genommen hat. Die Abkoppelung vom Ministerium hat die Angestellten der Universitäten unter das Arbeitsverfassungsgesetz gestellt, innerhalb dessen der ArbeitsnehmerInnenschutz in wichtigen Bereichen besser geregelt ist, als im ehemaligen Zustand.

Das hat überhaupt nichts mit der für Universitäten charakteristischen Kompetenz des wissenschaftlichen Personals zur Erfüllung des Lehr- und Forschungsauftrags zu tun. Universitäre Fachkräfte tragen durch Einzelleistungen und in kleinen kooperativen Gruppen maßgeblich zum Erfolg des Gesamtprojektes teil. Der Betriebsrat ist nicht dafür eingerichtet, diese Tätigkeiten zu betreuen.

Dazu gibt es ein anderes Gremium, den akademischen Senat. In den Erläuterungen zum Gesetz wird er als Ausdruck der traditionellen universitären Selbstbestimmung bezeichnet. Sein eng definierter Wirkungsbereich gibt ein deutliches Bild davon, wieviel sie dem Gesetzgeber wert war. Die Kompetenzen, die dem Senat als einsetzendes Organ bei Habilitationen und Berufungsverfahren zugewiesen sind, werden durch problematische Verfahrensregeln und durch die juridische Ausblendung der eigentlich kompetenten Fachgruppen getrübt. Statt hier Abhilfe zu schaffen, kursiert der Plan, dem Betriebsrat Sitze im Universitätsrat zuzuerkennen. Für Gewerkschaftsfunktionäre, die eine konventionelle Firmenstruktur vor Augen haben, mag das plausibel aussehen, dennoch sollte diese Idee mit Vorsicht behandelt werden. Die Selbstverständigung und Koordination der Fachbereiche erfolgt an Universitäten durch die Beratungskultur in Instituten und Fakultäten, deren höchste Instanz der Senat darstellt. Er ist zu stärken, um die Präferenz für Kommandostrukturen, die sich im UG 2002 findet, zu korrigieren.

Mitbestimmung

Die Gesetzeslage seit 2002 hat ein neuartiges Problem im Bereich akademischer Karriereverläufe und der universitären Mitbestimmung geschaffen. Früher konnte das Ministerium den unvermeidlichen Konfliktbereich zwischen fixen und zeitbeschränkten Anstellungen und unterschiedlichen Qualifikationsstufen regeln. Daraus ergaben sich Typen wie "Mittelbau" und "ProfessorInnen", denen dann per Gesetz gewissen Verantwortungen übertragen wurden. Mittlerweile regelt die Karriereleiter ein Kollektivvertrag zwischen dem Dachverband der österreichischen Hochschulen und der Gewerkschaft. Welche Beschäftigungsformen er festlegt, hat keinen direkten Bezug mehr zu den Regelungen der inner-universitären Mitbestimmung, die das Gesetz enthalten muss. Es scheint sich eine Lösung abzuzeichnen, in der alle auf unbefristeten Laufbahnstellen Beschäftigte einer "Kurie" angehören (faculty-Modell). Die Frage ist unvermeidlich, wie die dabei exkludierten Personengruppen vertreten werden. (Irgendwo muss man eine Linie ziehen.)

Für ein Tauziehen der Interessensgruppen ist gesorgt. Hier sind zwei Prinzipien, die ich für eine Regelung empfehlen würde. Erstens sollte die Mehrheit in Entscheidungsgremien bei jenen Personen liegen, welche zur Diskussion stehende Qualifikationen bereits besitzen. Zeitlich befristeten Angestellten eine Majorität in der Entscheidung über unbefristete Veträge einzuräumen, ist keine Option. Dabei sollte man allerdings flexibel sein. Bei Habilitationen oder Lehraufgaben sieht die Gruppe der Sachkundigen anders aus, als bei Berufungen. (Ich spreche also nicht für die Rückkehr zur fest definierten Kurien-Trinität.) Zweitens zeigt die Erfahrung aber auch, dass eine starke Vertretung der Studierenden und jüngeren akademischen Belegschaft den Konventionalismus und die tendentielle Selbstherrlichkeit der älteren Garde mobilisieren kann. Entmündigte Diskussionszirkel produzieren keine Impulse zur Weiterentwicklung der Universitäten. Das Leitbild von der Weltklasse ist verblasst, ein neuer (alter) Traum könnte beginnen: flexible Mitbestimmung, gemessen an der Qualifikation. (derStandard.at, 24. Juli 2007)

Zur Person
Herbert Hrachovec ist außerordentlicher Professor am Institut der Philosophie der Universität Wien und Mitglied der Plattform universitäre Mitbestimmung
  • Philosophie-Professor Herbert Hrachovec will flexible Mitbestimmung statt nicht funktionierender Hierarchien.
    foto: privat

    Philosophie-Professor Herbert Hrachovec will flexible Mitbestimmung statt nicht funktionierender Hierarchien.

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