Oktopus auf der Alm

24. Juli 2007, 17:00
4 Postings

Platt wie der Schlern ist Eva Amsberg alle Jahre wieder über Egarters großartiges Meeresfischangebot in den Südtiroler Bergen

+++ Achtung: An neuer Adresse wiedereröffnet +++

Zugegeben, ich war in Biologie nie eine besondere Leuchte. Das mit den Bienchen und Blümchen habe ich ziemlich gut verstanden. Und auch dass man die Farbe Grün bei der Photosynthese nicht einfach durch ein sattes Pink ersetzen kann, ist ja an sich recht leicht zu begreifen, wenn man einmal in der Natur die Augen aufmacht. Soviel zur Flora.

Bezüglich der Fauna war immer klar: Scampi im Meer, Wild im Gebirge - umgekehrt wäre es doch ziemlich verwunderlich. Vor allem, wenn man sich einen Jäger vorstellt, der eine Garnele ins Visier nimmt. Oder einen Angler, der einen Hirschen am Haken hängen hat. Den biologischen Grundgesetzen schlägt aber das Sommerfrische-Idyll und der Hausberg der Bozener ein Schnippchen: der Ritten in Südtirol. Hier kann man den besten Fisch weit und breit angeln – fertig zubereitet und wunderbar gewürzt.

Maria mit dem Regenschirm

Auf rund 1300 Meter wird in Maria Saal Meeresfisch serviert, wie man ihn gleichwertig lange in der Umgebung suchen müsste. Aber das Örtchen mit Blick auf den geplätteten Berg Schlern ist für das zirbenholzverkleidete, traditionsbewusste Südtirol (und das soll kein arrogantes Vorurteil sein, hier schreibt ein Fan, der seit fast 30 Jahren jeden Sommer in dieses schöne Stückchen Erde pilgert) schon ziemlich hip.

In der kleinen Kirche hat die heilige Maria keinen güldenen Schein, sie trägt einen Regenschirm: Ein moderner Maler hat den Ausdruck "unter deinem Schutz und Schirm" gar wörtlich genommen. Wenn also schon die Madonna aus dem Rahmen fällt, warum nicht auch die Wirte?

Mehr Shrimps als Cocktail

Das Gasthaus Egarter, nur wenige Meter hinter der regengeschützten Maria, versorgt hungrige Wanderer nicht nur mit den klassischen Südtirol-Schmankerln wie Spinatknödel, Pilznudeln oder Speckknödelsuppe – hier wird die Bergluft auch mit einer Spur Meeresbrise angereichert. Wer schon viele Kilometer zurückgelegt hat, nimmt die Steilvorlage eines Fisch-Vorspeisentellers: lauwarmer Oktopussalat, gratinierte Venus- und Jakobsmuscheln, wunderbar zartes Schwertfischcarpaccio und ein Shrimpscocktail, in dem die kleinen rosa Tierchen die gleichfarbige Sauce im Gegensatz zu den zahlreich angebotenen Fettschleudern dominieren.

Will man danach nicht noch eine Bergspitze erklimmen, kann man sich getrost an eine Hauptspeise heranwagen (weniger beschwerlich als Kasnocken sind sie allemal). Das täglich frische und seit Jahren konsequent hervorragende Angebot macht die Wahl für lang erprobte "Egarter" nicht mehr leicht: der Fisch in Salzkruste (von Branzino bis zur Goldbrasse) ist immer wunderbar saftig. Die Scampi kommen so auf den Tisch, wie es die Biologie wohl vorhergesehen hat: gegrillt, mit Olivenöl und einem Hauch Gewürze. Die Zitrone bestellt da nur, wer sie in sein Mineralwasser pressen möchte.

Heuschreckenkrebsplage

Ein wenig Exotik bringen Heuschreckenkrebse in die Berge, nicht gerade leicht zu essen, aber großartig im Geschmack. Und die Spaghetti Vongole hätten Südtirols bekannten Literaten Josef Zoderer schon längst eine Kurzgeschichte wert sein sollen, um die (ungewöhnlichen) Schönheiten seiner Heimat zu ehren. Zur Verdauung empfiehlt sich nach diesem Eiweißstoß dann dringend ein prickelndes Prosecco-Zitronen-Sorbet. Während man selbiges schlürft, kann man seinen Blick durch das charmante Lokal schweifen lassen, dass sich seit ewigen Zeiten in Familienbesitz befindet. An den Wänden hängen alte Hofurkunden und der Opa in der Kaiserjägeruniform (natürlich nur ein vergilbtes Foto, nicht der Opa selbst). In der Ecke steht seine alte Soldatentruhe, die ihn begleitete, als er unter Franz Joseph diente. Altes trifft frischen Fisch – eine unwiderstehliche Kombination.

Wem Fisch in den Bergen seltsam vorkommt, dem sei in Erinnerung gerufen, dass der Ritten näher am Meer liegt als Wien. Und wenn man bevorstehende Klimawandel-Szenarien der Forscher betrachtet, sind Scampi in den Alpen in ferner Zukunft vielleicht ohnehin gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Der Prachtblick vom Egartergastgarten auf den platten Schlern.

Gasthaus Egarter
Ritten-Mittelberg 63 
0039 0471 356218
    ea

    Der Prachtblick vom Egartergastgarten auf den platten Schlern.

    Gasthaus Egarter
    Ritten-Mittelberg 63
    0039 0471 356218

Share if you care.