Totentanz eines Motorradhelden

22. Juli 2007, 19:17
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Zeitgenössische Positionen: Wie weit ist Tanz auf der Bühne über das Tanzen zu definieren?

Wien - Wer wissen wollte, worum es im zeitgenössischen Tanz wirklich geht, der konnte das bei den ImPulsTanz-Aufführungen von Jonathan Burrows mit Matteo Fargion im Wiener Schauspielhaus auf sehr spezielle Art erfahren - in einer Erweiterung auch bei Christian Rizzos zwei Choreografien im Kasino und im Semper Depot.

Burrows ist ein abtrünniger Ballerino und damit Teil eines Phänomens, das den Gegenwartstanz in nicht unwesentlichen Teilen prägt. Ist doch einer der bedeutendsten westlichen Choreografen, William Forsythe, die Inkarnation der Katachrese im Ballett schlechthin.

Das Blendwerk

Wie er - aber abrupter - haben auch Vera Mantero oder João Fiadeiro mit der herkömmlichen Spitzentanzästhetik gebrochen - und ebenso eben Jonathan Burrows, der noch dazu den kontinentalen Tanz-Konzeptualismus (unter anderem den eines Xavier Le Roy) aufmischt.

Was Burrows interessiert, hat er bereits in seiner Choreografie mit Jan Ritsema "Weak Dance - Strong Questions" (aus dem Jahre 2001) gezeigt: Welches künstlerische Feld tut sich auf, wenn man das Blendwerk der Virtuosität im Tanz radikal weglässt? Keine wirklich frische Frage.

Tanz definiert Tanz

Sie wurde in den 10er-, 60er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch gestellt. Neu ist die Umleitung dieser Frage in eine grundsätzlichere: Wie weit ist Tanz auf der Bühne über das Tanzen zu definieren? Damit griffen der Tänzer Jonathan Burrows und der Komponist Matteo Fargion 2002 in "Both Sitting Duet" einen Faden auf, der dem kontinentalen Konzeptualismus gerade entglitten war.

Während Letzterer damals über seine elitären Allüren stolperte (alle wichtigen Arbeiten etwa der Choreografen Xavier Le Roy oder Jérôme Bel entstanden davor), schlugen Burrows/Fargion in ihren an sich knallharten Analysen des Konstruktionsgewirrs in der Gegenwartschoreografie eine Richtung ein, die auf das Publikum als Verbündeten zielt.

"Both Sitting Duet", "The Quiet Dance" und auch "Speaking Dance" wirken durch die Verbindung von einem glasklaren Konzept mit feiner Ironie und der einnehmenden Bühnenpräsenz der beiden Performer.

Vogelschritte

"Both Sitting Duet" ist bereits eine ikonische Arbeit wie Anne Teresa De Keersmaekers "Fase" oder wie "Nom donné par l'auteur" von Jérôme Bel. "The Quiet Dance" (2005), in dem die beiden auf staksende Vogelschritte und Stimmlaute eine so clevere wie komische Komposition über die Verbindung von Geräusch und Bewegung bauen, ist bereits komplexer angelegt.

In "Speaking Dance" greifen Burrows/Fargion wieder auf das Motiv des Auf-Sesseln-Sitzens von "Both Sitting Duet" zurück und entfalten ein Universum an Vorschlägen, wie die Kombination von Stimme, Musik, Bewegung und Repräsentation im Tanz funktionieren.

Gesicht unsichtbar

Auch der französische Mode- und Musikfreak Christian Rizzo greift auf Methoden des Konzeptualismus zu. In "comme crâne, comme culte" tanzt eine anonyme Figur in Vollvisierhelm und Lederdress eine kunstvolle "danse macabre". Über die langsamen, yogahaften Bewegungen des Zirkusartisten Jean-Baptiste André, dessen Gesicht das Publikum nie zu sehen bekommt, zerbricht das auf Rasanz getrimmte Stereotyp vom Ritter der Landstraße.

Und im Semper Depot zeigte Rizzo seine Installationschoreografie ".../...(b)", die eindrucksvoll live improvisiert und zur Musik von Bruno Chevillon eine Szenografie gebiert, die erst vollendet ist, wenn der Tänzer abgeht. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 23.07.2007)

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