Wo die "Weltmusi" zeltet

22. Juli 2007, 19:11
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Quo vadis, Jazzfest Wiesen? Österreichs traditionsreichstes Jazzfestival überraschte mit Weltmusikprogramm - und Highlights zwischen Hazmat Modine und Fatima Spar

Wiesen - Wenn sich im weitläufigen Wiesener Festivalgelände so richtig relaxt herumspazieren lässt, wenn im Zelt Hörperspektive und Sitzgelegenheit nach Belieben gewechselt werden können, die Warteschlangen in der Gastronomiezone kurz bleiben, dann ist das für den Veranstalter - paradoxerweise - kein gutes Zeichen. Nur einige Hundertschaften temperaturresistenter Musikfans trotzten am heißesten Wochenende des Jahres den witterungsmäßigen Unbilden und vergrößerten so den individuellen Bewegungsspielraum in angenehmer Weise.

Tja, wer Pech hat, dem fehlt oft auch noch das Glück: Schließlich hatten Franz Bogner und Co. erst 2006 Konkurs anmelden müssen: die Folge eines Murenabgangs, der - bei vollen Gagenverpflichtungen - die Absage des Forestglade-Festivals erzwang. Als Zwischenlösung hat mittlerweile die burgenländische Landesregierung die Haftung für die Ausfälle übernommen.

Publikumsschwund

In Bezug auf das traditionsreiche Jazzfestival, mit Gründungsjahr 1976 das älteste seiner Art in Österreich, überdeckte die Hitze indessen den Umstand, dass es auch hausgemachte Ursachen für den Publikumsschwund gibt. Fand sich doch, wie es schien, das Event im Kontext der immer höheren Wiesener Festival-Frequenz der 90er-Jahre zunehmend marginalisiert, stiefmütterlich behandelt.

Unter Kurator Ewald Tatar mutierte das Jazzfest bis 2004 de facto zu einem Popfestival unter falschem Namen, derart, dass sich selbst das mit zahlreichen Hitparaden-Pensionisten gesegnete Wiener Pendant dagegen wie ein Puristen-Treff ausnahm. 2005/06 rückten Michael Graf und Franz Bogner himself - in einem etwas beliebigen Programm-Kunterbunt - den Jazz wieder vermehrt ins Zentrum, um 2007 mit einem Band-Aufgebot zu überraschen, das man zu einem Gutteil eher auf der Kremser "Glatt&Verkehrt"-Bühne erwartet hätte.

Quo vadis, Jazzfest Wiesen? Die Entwicklung eines neuen Profils, einer langfristigen Programmvision scheint hier dringend geboten. Wobei sich die ambitionierten Länderschwerpunkte, die Akos Szupper Anfang der 90er-Jahre organisierte, als Anknüpfungspunkt für einen Weg aus der Identitätskrise anböten.

So weit zum Grundlegenden. Konkret waren im Rahmen des Wiesener "Weltmusik-Jahrgangs" 2007 durchaus beachtenswerte Musikerschaften zu erlauschen. Die Amsterdam Klezmer Band etwa konvenierte mit Tanzbein-stimulierenden Osteuropa-Exkursen, wobei die mit Pathos inszenierten ukrainischen Hochzeitslieder, deklamiert von Alec Kopyt, amüsante Highlights bedeuteten. Auch Hazmat Modine, der aktuelle New Yorker Crossover-Geheimtipp, war anlässlich seiner Österreich-Premiere einen Wiesen-Besuch wert. So wie Sänger Wade Schuman in "Yesterday Morning" Reggae und harschen Blues kreuzt, so verbrät er unbekümmert diverse Americana-Traditionen mit karibischen Rhythmen, um das mitreißende Resultat wohldosiert in Richtung Trash zu ironisieren. Groß ist diese Band, sobald Schuman selbst das Heft in die Hand nimmt und mit markanter Stimme gegen das wohlarrangierte Stil-Chaos ansingt.

Tolle Fatima

Während Shantels Bucovina Club Orkestar allzu wiederholungs- und klischeefreudig anmutete und seine interessantesten Momente im ausdrucksstarken Gesang von Vesna Petkovic fand, bestätigten Fatima Spar und ihre Freedom Fries ihren Status als einer der gegenwärtig besten Live-Acts (nicht nur) der österreichischen Szene.

"Egyptian Ella" heißt einer der programmatischen Hits, in denen der Drive des Swing und vertrackte Balkan-Rhythmen stimulierend ineinandergreifen - vitalisiert durch extravertierte Soli, dirigiert von einer scatfreudigen, äußerst stimm- und bühnenpräsenten Fatima Spar.

Nordindischen Tanz und - exotismusfreien - Jazz denkt hingegen der oberösterreichische Trompeter Manfred Paul Weinberger zusammen: ein spannendes, gewagtes Unterfangen, das in der Umsetzung, im Miteinander von dezent fließendem Kammerjazz und den grazilen Bewegungen von Manasi Deshpande nur selten zwingende Momente ergab.

Hans Moser

Lokalmatador Gerald Gradwohl gelang indessen das Kunststück, seinen Wurzeln im zurzeit eher nicht angesagten Rockjazz treu zu bleiben, und, unterstützt von Jojo Lackner (Bass) und Farid Al-Shami (Schlagzeug), dennoch einen weit gehend nostalgiefreien Eindruck zu hinterlassen.

Die Rezepte lauteten dabei einerseits auf Repertoirebreite zwischen Rock-'n'-Roll-Zitaten, John-Coltrane-Tunes und Hans-Moser-Liedern, andererseits auf Personalisierung des gewohnten Rockgitarrensounds in Richtung verzerrter Gefilde. So konnte Gradwohl selbst in Stücken wie "Wayne's Groove" dann und wann das Fusion-Tier von der Kette lassen. (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 23.07.2007)

  • Nach dem Jazz kamen Soul und Pop nach Wiesen, und nun dominiert die weltmusikalische Verzahnung diverser Stile - etwa durch die NewYorker Band Hazmat Modine.
    foto: fischer

    Nach dem Jazz kamen Soul und Pop nach Wiesen, und nun dominiert die weltmusikalische Verzahnung diverser Stile - etwa durch die NewYorker Band Hazmat Modine.

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