"Und so frisst der eine den anderen"

29. Juli 2007, 13:37
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Stuttgart-Manager Horst Heldt erinnert sich an seine Grazer Zeit, er spricht über Geldgeber, Außenseiterrollen und EURO-Aussichten

Standard:Als Manager von Stuttgart hatten Sie es beim Trainingslager in der Steiermark vermutlich feiner als einst als Spieler von Sturm Graz. Ihre Erinnerungen?

Heldt: Es hat unheimlich viel Spaß gemacht in Graz. Das ist eine wunderschöne Stadt, die ich wirklich lieben gelernt habe. Ich glaube, dass ich ein gutes Verhältnis zu den Fans hatte, da habe ich mich sehr heimisch und gut aufgehoben gefühlt. Bei dem einen oder anderen im Verein habe ich mich nicht so wohl gefühlt.

Standard: Warum waren Sie bei Sturm zuletzt nur Ersatz? Danach, in Stuttgart, hat es wieder gut geklappt.

Heldt: In meiner Funktion weiß ich, dass in einem Verein auch Politik betrieben wird. Wenn zu viel Politik betrieben wird, merkt man auch schnell das Ergebnis. Das hat man ja jetzt auch in Graz erfahren, was dabei herauskommt.

Standard: Wie war Ihr Verhältnis zu Hannes Kartnig?

Heldt: Im Prinzip kann ich nicht sagen, dass er nicht nett oder nicht freundlich gewesen ist. Ich hätte natürlich sportlich lieber andere Erinnerungen, aber grundsätzlich ist das auch eine Erfahrung gewesen. Wäre bei Sturm alles gut gelaufen, wäre ich nie mehr nach Stuttgart gekommen.

Standard: Österreich steht vor der EURO, ist trotz Heimvorteil krasser Außenseiter. Stuttgart war das in der Meistersaison auch. Was muss man machen, um gegen große Favoriten zu bestehen?

Heldt: Das ist schwierig zu sagen. Wenn das leicht zu übertragen wäre, würden es viele machen. Ich kann es mit der WM im eigenen Land vergleichen. Wir hatten kurz vor deren Beginn auch kein WM-Fieber, keine Euphorie. Aber als es losging, stand das ganze Land Kopf. Die Mannschaft hat sich halt von dieser Euphorie leiten lassen. Jeder hat sich untergeordnet in diesen sechs Wochen. Jeder hat sich nicht so wichtig genommen.

Standard: Was kann Österreich bei der EURO schaffen?

Heldt: Zunächst muss man ja sagen, das eine EM schwerer zu spielen ist als eine WM. Bei einer Europameisterschaft gibt es nur schwere Gegner. Österreich kann mit der nötigen Euphorie schon eine gute Rolle spielen. Zutrauen muss sich die Mannschaft etwas. Man sollte den Heimvorteil tatsächlich als Vorteil sehen und nicht als Belastung.

Standard: Österreichs U20 hat bei der WM in Kanada das Halbfinale erreicht. Wie ist dieser Erfolg einzuschätzen?

Heldt: Das ist schon beachtlich. Deutschland hat sich gar nicht erst qualifiziert. Aber man muss die Sache auch realistisch sehen. Es wäre falsch zu fordern, dass diese Mannschaft jetzt auch bei der EURO spielen muss. Das sind schon andere Anforderungen. Aber eine gute Basis für die Zukunft könnte diese Mannschaft sein. Die Spieler müssen sich bei den Klubs weiter entwickeln.

Standard: Dort kommen sie aber oftmals nicht zum Zug, wird auf erfahrenere Spieler, oft auf Legionäre gesetzt.

Heldt: Ein Nationaltrainer wird eben nicht so leicht infrage gestellt, wenn etwas nicht so gut läuft. Ihr U20-Trainer wäre ja auch nicht seinen Job los gewesen, wenn er bei der WM im Achtelfinale ausgeschieden wäre. Aber wenn ein Vereinstrainer nicht erfolgreich ist in einer Saison, dann wackelt schon der Stuhl. Der muss eben die Interessen des Vereins und seine eigenen wahren. Letztendlich ist es aber so, und es bewahrheitet sich auch immer wieder: Qualität setzt sich durch. Und wenn die Spieler ihrer U20 Qualität haben - das scheint in ihrem Alter ja so zu sein - werden sie sich durchsetzen. Qualität lässt sich nicht aufhalten.

Standard: Hatte der VfB Stuttgart Leute vor Ort in Kanada? Kann sich bei einer U20-WM ein Spieler derartig empfehlen, dass ihn ein Verein wie Stuttgart verpflichtet?

Heldt: Wir haben zwei Scouts in Kanada. Eine Scouting-Abteilung arbeitet perspektivisch. Gerade in diesem Alter werden Spieler nicht nur in ein, zwei Partien, sondern über einen längen Zeitraum beobachtet.

Standard: Was wurde Ihnen von Ihren Scouts über die Österreicher berichtet? Haben Sie überhaupt einen österreichischen Spieler im Auge?

Heldt: Wenn es so wäre, würde ich es Ihnen nicht sagen.

Standard: Wie schätzen Sie den österreichischen Ligafußball generell ein?

Heldt: Ich glaube, dass das schon guter Fußball ist. Ich glaube aber auch, dass er in Österreich einen schweren Stand hat. Nicht zu vergleichen mit anderen Ländern, auch nicht mit Deutschland, wo der Fußball Volkssport Nummer eins ist. In Österreich ist sicherlich alles, was mit Schnee zu tun hat sehr dominant. Deshalb ist es schwer, sich da durchzusetzen. Vielleicht bringt die EM im eigenen Land etwas. Profifußball hat allgemein immer mit Geld zu tun. In anderen Ländern wird eben auch anders bezahlt, damit ist automatisch mehr Qualität da. Bei uns ist es nicht anderes. Versuchen Sie einmal, einen Spieler aus England nach Deutschland zu bekommen. Das ist vollkommen sinnlos. Und so frisst der eine den anderen.

Standard: Würden Sie in Stuttgart einen Mäzen wie Dietrich Mateschitz begrüßen?

Heldt: Ich kenne die Strukturen in Salzburg nicht und würde mir kein Urteil anmaßen. Das ist in Deutschland klar geregelt. Die Mehrheit und die Entscheidungsgewalt sollten immer dem Verein obliegen. Wenn jemand viel Geld einbringen will, will er auch mitsprechen. Das ist immer mit Vorsicht zu genießen. Ich hätte nichts dagegen, wenn ein Mensch kommt und sagt, da ist mein Geld nehmt es und macht damit, was ihr wollt. Aber finden Sie so einen mal! (Mit Horst Heldt sprach Sigi Lützow)

Zur Person:
Horst Heldt (37) ist seit Jänner 2006 Teammanager beim VfB Stuttgart. Als Profi spielte der Rheinländer beim 1. FC Köln, 1860 München, Frankfurt, Sturm Graz (nur 33 Ligaspiele von Juli 2001 bis Jänner 2003) und Stuttgart sowie zweimal im deutschen Team.

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