Erfolgsgeschichte(n) in Parallelwelten

15. April 2008, 11:19
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Mit erwartbaren Rekordverkaufszahlen kam "Harry Potter and the Deathly Hallows" in den Buchhandel - Vom Fantasy-Boom werden weitere Buch- und Kinoserien profitieren

Wien - Wer gestern im Schwimmbad oder an anderen öffentlichen Plätzen ein erhöhtes Aufkommen von Harry-Potter-Bücher konstatierte, lag mit der Einschätzung, das neue Buch von J.K. Rowling verkaufe sich weltweit gut, durchaus nicht falsch. Medienberichte aus England führen zum Start von Harry Potter and the Deathly Hallows unüblich drastische Erfolgsindizien an: So erklärte etwa der Betreiber der Buchhandelskette WH Smith, bis dato 15 Exemplare pro Sekunde verkauft zu haben. Der bisherige Rekord lag dem Vernehmen nach bei 13 Büchern pro Sekunde.

Mehrere Millionen Exemplare gingen allein in der Nacht von Freitag auf Samstag über die Ladentische. Wer sich die Begeisterungsfähigkeit der Potter-Fans konkreter vorstellen will, sei auf die Tatsache verwiesen, dass sich allein im und rund um den Wiener British Bookstore nächtens rund 900 Fans tummelten.

Man darf davon ausgehen, dass diese Menschen lieber selbst in Erfahrung bringen, "wie das Buch ausgeht". Und es wäre auch unseriös, nach einer Blitzlektüre so etwas wie eine Rezension abliefern zu wollen. Nach über 100 Seiten kann man aber sagen, dass J. K. Rowling ein weiteres Stück gut getimter, streckenweise überaus amüsanter Unterhaltungsliteratur abgeliefert hat, in der einmal mehr die Bösewichte die besten Dialoge bieten. "What is it about my presence in your home that displeases you?", sagt etwa Lord Voldemort zum notorisch unsympathischen Mitläufer der dunklen Macht, Lucius Malfoy. Und wenn er ihm dann noch seinen Zauberstab wegnimmt, weiß man einmal mehr: Bosheit in Verbindung mit Blödheit zahlt sich nicht aus.

Auch die Potter-Filmserie, von der gegenwärtig Teil fünf erfolgreich läuft, wird noch einmal kräftige Absatzsteigerungen verbuchen - im Kino wie auf DVD. Spannend wird die Frage, welche Erfolgstitel und Serien im Windschatten von Harry P. und Herr der Ringe reüssieren können. Diesbezüglich sind einschlägige Planungen seit Jahren im Gange. Nachdem zuletzt bereits der erste Teil von C. S. Lewis' Chroniken von Narnia Blockbuster-Potenzial bewies (Teil 2, Prinz Kaspian, wird derzeit in Tschechien und in den USA gedreht), und auch Christopher Paolinis Drachensaga Eragon vom jugendlichen Fantasy-Boom profitiert, stehen jetzt schon wieder neue Serien vor dem Kinostart.

Bereits im Winter dieses Jahres dürfte etwa ein hierzulande immer noch viel zu wenig bekanntes Fantasy-Epos im Buchhandel und in den Kinos boomen: Philipp Pullmans fulminante Trilogie His Dark Materials erzählt von einer märchenhaften Odyssee, vom Ringen zwischen Aufklärung und Fundamentalismus in Parallelwelten. Gefallene Engel, viktorianisch anmutende Wissenschafter und archaische Helden begleiten ein junges Mädchen, das zur Rettung seiner ersten Liebe angetreten ist.

Der erste Teil, Der Goldene Kompass, wurde jetzt mit Stars wie Nicole Kidman und dem neuen James Bond, Daniel Craig, aufwändig verfilmt. Und wenn das Leinwandepos nur annähernd an die literarischen Qualitäten der Buchvorlage herankommt, könnte das einen Hit wie Der Herr der Ringe ergeben - bei dem übrigens Tolkiens Roman-Vorgänger Der Hobbit ebenfalls verfilmt werden soll.

Auch die deutsche Jugendbuchautorin Cornelia Funke wird vom Endlos-Trend profitieren. Ihre Tintenherz-Trilogie, deren dritter Band noch gar nicht fertig ist, startet nächstes Jahr in den Kinos: Auch hier geht es, ähnlich wie bei Rowling und Pullman, um eine Konkurrenz zwischen "menschlicher" Realwelt und einem parallelen Universum, in das man sich im Fall von Tintenherz wortwörtlich hinüberschreiben und -lesen kann.

Konflikte der Welten

Es geht, ähnlich wie bei Potter und dem Kampf zwischen Magiern und Muggels, um die scheinbare Unvereinbarkeit und um die gewalttätigen Konflikte zweier Welten bzw. Weltbilder. Dass dieses Motiv in der Popkultur dieser Tage auch aufgrund globaler Verwerfungen besonders inständig beschworen wird, ist nicht zuletzt daran ablesbar, dass auch Harry Potters Kampf gegen Lord Voldemort zunehmend vor dem Hintergrund des "War against Terror" interpretiert wird.

Ein weiteres Epos, für das dem Vernehmen nach erste Drehbuchentwürfe existieren: Stephen Kings siebenteilige Romanserie The Dark Tower, eine unfassbare "Räuberpistole" von einem Schmöker, in der hemmungslos Endzeitwestern, Ritterfilme, Gangstersagas und Science-Fiction-Szenarien ineinanderkippen, soll ebenfalls in gebührender Opulenz verfilmt werden. Auch hier geht es um Wanderer zwischen den Welten, wenn sich ein Killer namens Roland Hilfe aus dem Amerika der Gegenwart holen muss, um eine dämonische Macht zu besiegen, die seine "Welt" zu zerstören droht. Es ist, als würde man Michael Endes Unendliche Geschichte von Quentin Tarantino inszenieren lassen, mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Wer weiß: Vielleicht wird genau das in irgendeiner Führungsetage in Hollywood bald beschlossen. Und möglicherweise steigert sich der Verkaufsrhythmus von Harry Potter noch auf 19 Bücher pro Sekunde ... (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 23.07.2007)

  • Dem Lärm und der Ekstase bei der Jagd nach "Harry Potter and the Deathly Hallows" ...
    foto: christian fischer

    Dem Lärm und der Ekstase bei der Jagd nach "Harry Potter and the Deathly Hallows" ...

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    ... folgt die Stille und die faszinierte Konzentration auf den neuen Roman von J. K. Rowling. Weltweit ähnelten sich in der Nacht von Freitag auf Samstag die Bilder.

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