Zellforschung: Ohne Informatiker geht nichts mehr

29. Juli 2007, 15:15
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Mangel an Bioinformatikern in Österreich beklagt

Ohne spezielle Bioinformatiker geht in der modernen Zellforschung praktisch nichts mehr. Speziell das Zusammenspiel von Erbsubstanz (DNA), RNA und Proteinen ist - wie sich immer deutlicher herausstellt - derart komplex, dass ein Mensch nicht mehr die Übersicht behalten kann. Noch bis Mittwoch gehen in Wien die "Annual International Conference on Intelligent Systems for Molekular Biology" (ISBM) und die "European Conference on Computational Biology" (ECCB) über die Bühne, an der etwa 2000 Informatiker, Mathematiker und theoretische Biologen teilnehmen.

Ordnung

Bis vor wenigen Jahren schien die Welt noch in Ordnung und die Dinge überschaubar. Rund drei Prozent der menschlichen DNA würden in Form von etwa 30.000 Genen und über die Vermittlung von RNA in Eiweiß-Stoffe (Proteine) übersetzt, der Rest sei ungenutzter, genetischer Schrott - so vermutete man jedenfalls, berichtete Peter Schuster, theoretischer Biochemiker, Mitorganisator der Konferenz und seit dem Vorjahr Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, im Gespräch mit der APA.

Mittlerweile steht fest, dass der überwiegende Teil des vermeintlichen Schrotts auf der DNA sehr wohl abgelesen und etwa in RNA übersetzt wird. Rund ein Prozent des gesamten menschlichen Erbguts hat ein internationales Konsortium an Bioinformatikern und Genetikern mittlerweile unter die Lupe genommen und kam dabei zu dem Ergebnis, dass 95 Prozent der DNA in irgend einer Form abgelesen werden.

Ein guter Teil dieser nicht in Proteine übersetzten Information wird für Steuerung und Regelung in der Zelle verwendet, da sind sich Wissenschafter mittlerweile einig. Eine entscheidende Rolle spielen dabei kleine RNA-Stücke. Sie beteiligen sich nicht nur - wie lange bekannt - an der Übersetzung der DNA-Sequenzen in Proteine. Mittlerweile vermuten die Experten dass es wenigstens 20 bis 50 verschiedene Typen von RNA-Molekülen gibt. Diese bestimmen, wann und was von der DNA abgelesen wird. Wie viele verschiedene RNA-Sequenzen es für jeden RNA-Typ gibt, ist noch völlig unüberschaubar.

Überschaubar

Um die buchstäblich täglich anfallenden, neuen Forschungsergebnisse und Daten halbwegs überschaubar verarbeiten zu können, müssen Molekularbiologen fachlich immer tiefer in die Informatik eindringen und gemeinsam mit Vertretern der aufstrebenden Zunft der Bioinformatiker entsprechende Modelle entwerfen. Nur leistungsfähige Computer sind in der Lage, das Zusammenspiel der einzelnen Teile zu simulieren. Letztendlich wird den Wissenschaftern gar nichts anderes übrig bleiben, als ganze Zellen zu simulieren, denn letztendlich hängt alles zusammen. Dreht man an einem Rädchen, kommt eine ganze Kaskade an Wirkungen in Gange.

Schuster ortet derzeit in Österreich noch einen Mangel an Bioinformatikern. Vielfach erledigen Molekularbiologen oder -chemiker die Aufgaben der Modellierung noch selbst, was auf längere Sicht nach Ansicht des Wissenschafters nicht sinnvoll erscheint. Man sollte die experimentell tätigen Molekulargenetiker davon entlasten. "Letztendlich wird in der modernen Zellforschung ein Informatiker auf zwei bis drei experimentell tätige Molekularbiologen kommen", prophezeit Schuster zur Illustration der Bedeutung dieses jungen Forschungszweiges.(APA)

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