Sex-Skandal um 734 Blauhelme

22. Juli 2007, 18:46
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Die UN haben ein Armeekontingent suspendiert, das seit Jahren Minderjährige missbraucht haben soll

Die Blauhelme der marokkanischen Armee dürfen ihre Kaserne nicht mehr verlassen. In Kongo und in Liberia gab es ähnliche Fälle. Die UN haben kaum Sanktionsmöglichkeiten, eine "Kultur der Straflosigkeit" herrscht.

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Nairobi/Bouaké - Der Sicherheitsrat reagierte schnell: Nur Stunden, nachdem UN-Kontrolleure über Vorwürfe des Kindesmissbrauchs im Norden von Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste) berichtet hatten, waren hunderte UN-Soldaten bereits suspendiert.

Seit Samstag dürfen 734 Blauhelme, ein ganzes Kontingent der marokkanischen Armee, ihre Kaserne in der Stadt Bouaké nicht verlassen. "Niemand von ihnen nimmt noch an unseren Einsätzen teil", versichert der Sprecher der UN-Mission in Côte d'Ivoire, Hamadoun Touré. Die UN-Abteilung für interne Kontrolle wirft den Soldaten vor, sich an Mädchen vergangen zu haben, von denen manche gerade einmal 13 Jahre alt waren.

Missbrauch mit System

Dabei habe es sich nicht um Einzelfälle, sondern um systematisch organisierten Missbrauch gehandelt, heißt es weiter. Wenn Truppen Bouaké verließen, wurden die Mädchen an nachrückende Soldaten weitergereicht.

Das kriminelle Treiben begann vor drei Jahren, kurz nach Beginn der UN-Mission 2003. Einige der minderjährigen Opfer sind seitdem schwanger geworden und wurden mit ihren Babys zurückgelassen.

Aufmerksam wurden die Kontrolleure, als sie in Bouaké eine Aufklärungskampagne durchführten. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung nahmen sie Ermittlungen auf. Insgesamt haben die UN etwa 9000 Soldaten in Côte d'Ivoire stationiert, wo man sich nach jahrelangem Bürgerkrieg auf Neuwahlen Anfang kommenden Jahres vorbereitet. Der Sicherheitsrat hatte die Mission deshalb gerade erst bis Jänner verlängert.

Keine Strafen

Seit 2003 erste Fälle von Kindesmissbrauch öffentlich wurden, stehen die UN wegen des Verhaltens ihrer Blauhelme unter Druck. Ein 2005 veröffentlichter Untersuchungsbericht aus Bunia in Kongo bestätigte nicht nur schlimmste Vorwürfe, sondern sprach zudem von einer "Kultur der Straflosigkeit" unter den Soldaten. Die Opfer würden für Sex mit wenigen Dollar oder Naturalien, etwa zwei Eiern, bezahlt, hieß es weiter.

Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan kündigte daraufhin eine "Null-Toleranz-Politik" an. Offiziell ist UN-Blauhelmen weltweit jeder sexuelle Kontakt zur einheimischen Bevölkerung untersagt. Weitere Vorwürfe, etwa in Liberia und Haiti, wurden untersucht. Doch in einer seiner letzten Reden als UN-Generalsekretär gab sich Kofi Annan im Dezember resignativ: UN-Blauhelme seien trotz aller Bemühungen an Vergewaltigungen, Kindesmissbrauch und Menschenhandel beteiligt.

Bis heute haben die UN keine Sanktionsmöglichkeiten gegen überführte Soldaten. "Wer etwas nachgewiesen bekommt, wird nach Hause geschickt." Ob die Missbrauchsfälle gerichtlich untersucht oder disziplinarisch geahndet werden, bleibt dem Entsenderland überlassen. (Marc Engelhardt/DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2007)

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