Kopf des Tages: Ein klassischer Held unserer Zeit

20. Juli 2007, 20:05
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Wie heißt es kurz und bündig auf Wikipedia: "Ein Held (Althochdeutsch: helido) ist eine (meist männliche) Person mit besonders herausragenden Fähigkeiten ...

Oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen, sog. Heldentaten, treibt."

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Harry Potter, der magische Teenager, der nun im siebten Band von J. K. Rowlings Bestseller-Saga sein letztes Jahr im Zaubererinternat Hogwarts antritt und jetzt hoffentlich seinem Erzfeind Lord Voldemort den Garaus macht - er ist so ein Held. Und es ist kein Zufall, dass man ihn des Öfteren mit anderen zeitgenössischen Prototypen dieser Spezies verglichen hat: Ist er zum Beispiel ein zweiter Luke Skywalker (aus Star Wars), der die dunkle Seite der Macht, die ihm gegeben ist, überwindet?

Wenn Potter-Leser solche Fragen stellen, dann sind sie schon in ein Netzwerk verstrickt, das man auch die Joseph-Campbell-Falle nennen könnte: Der amerikanische Mythenforscher hatte 1949 mit Der Heros in tausend Gestalten versucht aufzuzeigen, wie sehr sich über alle Kulturen und Religionen hinweg Lebenswege von Helden ähneln. Den Star-Wars-Macher George Lucas hat er damit ebenso beeinflusst wie Rowling, die in den Potter-Büchern eine archetypische "Heldenreise" nachvollzieht, deren erste Stationen etwa so lauten: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe. Der Held zögert, macht sich dann aber auf den von diversen Prüfungen gesäumten Weg. Unverhofft erhält er Unterstützung von Waffenbrüdern und/oder Lehrmeistern ...

Dass nun mit Harry Potter ein sehr zeitgenössischer junger Mann auf die Reise geschickt wurde, und dies mit einer sehr britischen Mischung aus schnörkelloser Prosa, Spannung und Humor: Das wird wohl auch im Fall von Harry Potter and the Deathly Hallows das klare Schema und Erfolgsrezept bestenfalls verbergen. Wer die Campbell-Dramaturgie draufhat, kann sich wortwörtlich ausrechnen, wie so eine "Heldenreise" enden muss.

Sehr unwahrscheinlich wäre es zum Beispiel, dass Harry Potter am Ende der Saga seine Zauberkräfte verliert und ein ganz normaler Mensch wird. Normalerweise beherrscht so ein Held am Ende nämlich zwei Welten: die des Alltags und jene der übernatürlichen Phänomene, und die Erfahrungen der einen bereichern die der andern. Und dann wäre letztlich wohl auch so etwas wie eine Fortsetzungssaga vorstellbar.

Wer könnte denn auch wünschen, dass Harry nach sieben Jahren Abenteuer ein Leben ohne Aufregungen erträgt? Mit 18 schon das Großartigste hinter sich zu haben - das wäre für ihn wohl nicht wirklich eine Option. J. K. Rowling hält sich jedenfalls bedeckt darüber, ob sie Harry die Treue halten oder sich an einem neuen Stoff, einem neuen Helden versuchen wird ... (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.07.2007)

Harry Potter: Jetzt ist der siebte Band seiner Abenteuer erschienen.
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