Microsofts Schlachtplan gegen Google

25. Oktober 2007, 11:15
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Online-Programme bringen Microsofts einträgliches Desktop-Geschäft in Gefahr - Mit "Software plus Services" will der Konzern der Herausforderung begegnen

Vieles, was eines Tages als Innovation ein breites Publikum erreicht, ist nicht wirklich neu und hat eine Geschichte vorangegangener Flops. Online-Software zum Beispiel, die jetzt von Google und anderen, weniger bekannten Anbietern als (noch dazu kostenlose) Alternative zum etablierten Office-Paket von Microsoft angeboten wird, das fast auf jedem PC installiert ist.

Hotmail

Dabei ist das Prinzip den meisten PC- und Internetbenutzern seit Langem vertraut, aber meist nur bei einer speziellen Anwendung: Mail. Und Microsoft ist, mit seinem Hotmail-Angebot, einer der größten Anbieter in diesem Bereich.

Zwei große Trends wirken jetzt wie ein Booster für die weitere Entwicklung von Online-Software. Einerseits die Verbreitung von billigen, schnellen Onlineanschlüssen, auch durch Funktechnik. Das führt dazu, dass PCs nur noch selten offline sind (in Fliegern zum Beispiel) und Online-Software fast ständig genutzt werden kann. Und andererseits Webtechnologien ("Ajax" das prominenteste Beispiel von Web 2.0), die es Webseiten ermöglichen sich wie Programme zu verhalten, mit denen man Bilder bearbeiten, Texte schreiben, Tabellen oder Kalender führen kann.

Stark

"Das Web und der PC wachsen weiter zusammen, und das wird sehr starke Möglichkeiten eröffnen", erklärt Charles Fitzgerald, Microsofts Chefstratege für die Entwicklung von "Software plus Services".

Fitzgerald sieht das Verhältnis zwischen Online-Software und Software am PC und anderen Geräten nicht als Konkurrenz, sondern als logische Ergänzung. Manches werde lokal, also am eigenen Computer, gespeichert und bearbeitet, anderes online, was die Zusammenarbeit mehrerer Personen an Dokumenten wesentlich bequemer macht. "Wir wollen dem User eine Art Schieberegler geben, mit dem Leute selbst entscheiden können, ob sie stärker lokale Software und Daten am PC, oder mehr Online-Services verwenden", beschreibt Fitzgerald gegenüber dem Standard.

"Exchange hat für den User viele Gesichter"

"Exchange" - die von vielen Unternehmen für Mail verwendete Serversoftware - "ist dafür schon jetzt ein perfektes Beispiel", erläutert Fitzgerald die Anwendung dieser Philosophie. "Exchange hat für den User viele Gesichter", je nach Situation als Outlook am PC, über das Web als "Outlook Web Access", als mobile Mail auf Windows-Smartphones, oder per Spracherkennung am Handy: "Wichtig ist, dass das alles nahtlos zusammenspielt: Wo immer man etwas ändert und speichert, scheint es auch in allen anderen Formen auf." In ähnlicher Weise will Microsoft jetzt auch seine populäre Hotmail umbauen, als Windows Live Mail, das sowohl als Onlineservice als auch als Software am PC verfügbar sein soll.

Im Unternehmensbereich würde die Entwicklungsrichtung von drei Faktoren bestimmt, sagt Fitzgerald: Speicher, Rechenleistung und Netzwerk. Die größten Fortschritte gebe es derzeit bei "Bandbreite"; das Tempo und die Kosten der Internetverbindung - damit werden Services erst zu einer wirklichen Konkurrenz zu Software am PC. "Aber weil Speicher und Rechenleistung teurer ist, ist es auch sinnvoll, dass man weiterhin den PC für viele Aufgaben nützt, und nicht alles online erledigt", sagt Fitzgerald.

Google Desktop

Die "Service-Erfahrung von Onlinediensten ist weiterhin nicht so gut wie von einem Desktop-Programm", erklärt Fitzgerald: Zwar lässt sich vieles im Browser machen, aber es gibt viele Einschränkungen bei der Leistung gegenüber Software am eigenen Rechner. "Darum schreiben Google und andere Onlinedienste derzeit auch massenhaft Codes für den Desktop", soll heißen: Sie schreiben kleine Programme, die am PC die Arbeit der Online-Software unterstützen soll - wie die Foto-Software Picasa, die mit Googles Online-Fotoservice zusammenspielt.

Dennoch geht für Microsoft offenbar kein Weg daran vorbei, mehr Software in der "Wolke" - Jargon für das Netz außerhalb von Unternehmensnetzen - zur Verfügung zu stellen.

Was das konkret sein wird, dazu hat sich vor kurzem Microsoft-CEO Steve Ballmer bei der Microsoft Partnerkonferenz beredt ausgeschwiegen: Noch heuer werde es "Software plus Service"-Angebote geben, erklärte er. In welcher Form, das ist derzeit noch geheime Chefsache. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 21. Juli 2007)

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