Augenscheinliche Machtfestspiele

20. Juli 2007, 19:40
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Erwartungsgemäß spektakulär, aber akustisch unausgewogen fiel die neue Bregenzer Produktion von Giacomo Puccinis Oper "Tosca" aus

Die optische Opulenz der Inszenierung von Philipp Himmelmann überschritt dabei mehrfach die Grenze zur Effekthascherei.

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Bregenz - Springt sie nun, die Floria Tosca, oder springt sie nicht - und wenn ja: wohin? Die medial am Köcheln gehaltene Spannung über das Schlussbild der Bregenzer Neuproduktion war zuletzt von der Frage überschattet worden, ob das Wetter wohl halten würde, bevor ein Chlorgasalarm im benachbarten Hallenbad just am Ende der Premiere für Aufsehen sorgte.

Was man ansonsten sehen würde, war ja in seinen Grundzügen bereits hinlänglich bekannt: das spektakuläre, in numerischen Superlativen beschreibbare Bühnenbild von Johannes Leiacker mit seinem beweglichen Augenbild und dem riesigen, aus dem See hochfahrenden Kreuz für Scarpias Te deum, das Regisseur Philipp Himmelmann zu einer pervertierten Kirchenszene umgestaltete.

Der Vorwurf, Himmelmann hätte das Libretto nicht studiert, ging indessen ins Leere: Noch nahezu jedes Detail, das er zeigt, ist irgendwie aus dem Text entwickelt oder clever umgedeutet. Von Augen etwa ist in der Eifersuchtsszene zwischen Tosca und Cavaradossi ja hinlänglich die Rede; das überdimensionierte Exemplar, das der Maler gerade fertigstellt und das zugleich ein Symbol für Scarpias "Überwachungsstaat" sein soll, lässt sich - da wir gerade beim Umdeuten sind - aber auch trefflich als Sinnbild für die Vorherrschaft des Optischen beim Spiel auf dem See sehen. Gegen dieses gängige Vorurteil gibt einem die heurige Bregenzer Neuinszenierung jedenfalls kaum Argumente in die Hand.

Die Klangwolke

Das hat nichts damit zu tun, dass die Wiener Symphoniker nicht trefflich musiziert und sich auch die Sänger nicht leidenschaftlich verausgabt hätten. Aber wie viel an fein gearbeiteten Details durchdringt, zumal der Wind gern einiges von der Klangwolke wegträgt, was vom prächtigen Blechbläserklang selbst geblasen und was elektro-akustisch aufgeblasen ist, lässt sich nur mühsam rekonstruieren.

Dafür sind die aufgepfropften musikalischen Mittel, an denen Dirigent Ulf Schirmer noch eifrig mitgewirkt hat, überdeutlich: räumliche Wirkungen des Orchesters oder der Glocken, ebenso wie perkussives Getöse, das die Transparenz zuweilen empfindlich zerstört. Schlimmer aber ist der hybride Klang aus akustischen und verstärkten Teilen, wenn im 2. Akt die Spielfläche die Singstimmen direkt reflektiert: Das ist völlig unbefriedigend und dürfte eigentlich nicht passieren.

So ist denn auch die Beurteilung der Sänger nur mit Vorbehalt möglich: Nadja Michael (als Tosca) schien in tieferen Lagen wunderbar wie eh und je zu sein, sich aber in ungewohntem Fach noch nicht auf gesichertem Terrain zu bewegen und in dramatischer Höhe deutlich an ihre Grenzen zu stoßen. Cavaradossi (Zoran Todorovich) wirkte als an sich kultivierter, anfangs überforderter Tenor mit voller Mittellage, der erst bei E lucevan le stelle Boden gewann, Scarpia (Gidon Saks) als Herrscher über den dämonischen wie den lyrischen Ton, Angelotti (Sebastian Soules) ebenso souverän wie die meist sicheren Nebenpartien.

Gegen die allgegenwärtige Bilderflut konnten sie aber alle nicht ansingen. Für das reichlich vorhandene, aber immer wohldosierte Pathos von Puccinis Musik war die Übervisualisierung letztlich ruinös weil viel zu konkret: Was wohl drastisch sein sollte, wirkte plakativ.

Die Bildermaschine

Unrühmlicher Höhepunkt war hier eine Videowand, die während der Folterszene als kitschige Bebilderungsmaschine für blutrünstige filmische Gemeinplätze diente, die einem älteren James Bond ebenso entsprungen sein könnten wie Mel Gibsons unsäglichem Jesus-Film. So jagte ein Effekt den anderen, bis ein roter Vorhang bei Toscas Arie Vissi d'arte vollends zeigte, wie wenig Fantasie der Regisseur seinem Publikum offenbar zutraut. Während im Laufe des Abends alles mögliche ins Auge sprang, tat die Titelfigur am Ende buchstäblich das Gleiche, sprang also ins Auge und verschwand: "zu Gott." Oh Gott! Das Fernsehpublikum übrigens flüchtete: Zu Beginn saßen noch 316.000 vor dem Bildschirm, diese Zahl sank freilich rapide. Im Durchschnitt ergab das 205.000 Zuschauer in ORF 2 - weitere 251.00 via 3sat in Deutschland und Österreich. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.07.2007)

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    Bregenzer Seespiele mit den Dimensionen. Eine übergroße Tosca (Nadja Michael) beobachtet die Machtspiele der Männer.

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