Charme des Unkalkulierbaren

27. Juli 2007, 13:58
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Der als Protagonist der "Vienna Electronica" der 90er-Jahre bekannt gewordene Patrick Pulsinger trifft bei "Glatt & Verkehrt" auf die südamerikanische Sängerin Lucía Pulido

Ein Gespräch über die "elektronische" Vergangenheit und die neue Faszination des Jazz.

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Krems - Wenn einer der Experten für Klänge aus der Computerretorte bei einem Festival für, tja, sagen wir: ethnisch zentrierte Musik gastiert, dann sagt das etwas über die Neugierde einer derartigen Veranstaltung aus, andererseits aber auch Charakteristisches über den Knöpferldrehmeister selbst. Für Patrick Pulsinger ist das Erscheinen auf der Bühne des offenohrigen Festivals kein Ereignis mit Augenbrauenheber-Effekt.

Schließlich sei er bereits 2003 beim nun von Ex-Partner Erdem Tunakan allein betriebenen Label Cheap Records ausgestiegen, um sich im ehemaligen Feedback-Studio in Wien-Margareten neu ein- und auszurichten. Und er habe sich doch bekanntlich schon einige Jahre davor von der Produktion elektronischer House-, Techno- und Down-beat-Tracks verabschiedet und einem für seinesgleichen unüblichen Metier zugewandt: "Der Jazz war für mich ein Rettungsanker im Kontext der eintönig gewordenen elektronischen Musik", so der 37-Jährige. "An dieser Musik faszinierte mich, dass sie etwas Spontanes hat, etwas, das ich im Grunde nicht verstand. Zudem interessierte mich etwas, was es bei elektronischer Musik nicht gibt: der Klang des Raumes. In meinen ersten Aufnahmen mit Jazzmusikern wollte ich einen Raumklang wie auf alten Jazzplatten."

Die praktische Annäherung an das Metier war so logisch wie kurios. Pulsinger lud namhafte Improvisatoren zwischen Franz Hautzinger und Werner Dafeldecker einzeln ins Studio, um sie nach seinen Vorstellungen Material einspielen zu lassen - und dieses anschließend am Computer zu einer Art Post-Jazz zusammenzusetzen. In The Shadow of Ali Bengali hieß die CD mit bizarrer Musik, an der alles nach Jazz roch, die aber beileibe nicht wie Jazz, nach den Prinzipien von Spannungsaufbau und -beruhigung, funktionierte. Sondern als Abfolge von Stimmungen arrangiert war.

Seit dem Auftritt beim Jazzfestival Saalfelden existiert jenes Projekt auch live. Trompeter Franz Hautzinger avancierte zum bevorzugten Partner. Einen großartigen Moment erlebten die beiden beim "Modernist-Mozart"-Festival 2006, als Pulsinger am Synthesizer die ausgesparten Texturen zuweilen der Kontrolle der Instrumentalisten entzog und spielerisch manipulierte.

"Ich sehe mich da schon auch als Manipulator, aber nicht in dem Sinne, dass ich über den anderen Musikern stehe. Schließlich können auch die Instrumentalisten gewisse Funktionen meines Synthesizers steuern", so Pulsinger, der in Judenburg aufwuchs. Wie er, der 2006 mit dem finalen dritten Teil der 1994 begonnenen EP-Reihe "Dogmatic Sequences" (Disko B/Soul Seduction) noch einmal ich Richtung (Freestyle-) Techno rückfällig wurde, bei Glatt & Verkehrt mit der kolumbianischen Sängerin Lucía Pulido, arbeiten wird? "Wir wollen eine gleichberechtigte Begegnung. Wir spielen unsere Musik zu ihren Volksliedern, wobei die Instrumente aller Musiker durch meinen Synthesizer laufen. Nur Lucía bleibt unmanipuliert", so Pulsinger, der der in New York lebenden Sängerin indirekt ein Kompliment macht: "Natürlich wissen wir über den Inhalt der Lieder grob Bescheid. Das Gute ist, dass deren Inhalt, Lebenslust, Liebe oder Abschiedsschmerz, auch durch die Musik, den Gesang transportiert werden. Man weiß, worum es geht, bevor man danach fragt." (Andreas Felber, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.07.2007)

Am 28. Juli.
  • Patrick Pulsinger: "Der Jazz war für mich ein Rettungs-anker im Kontext der eintönig gewordenen elektronischen Musik.
    foto: fischer

    Patrick Pulsinger: "Der Jazz war für mich ein Rettungs-anker im Kontext der eintönig gewordenen elektronischen Musik.

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