Partylaune an der Börse

23. Juli 2007, 10:20
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Die Märkte stehen auf die AKP - Aktien-Boom trotz hoher Risiken

Menschenrechtsverletzungen, Streit um EU-Beitritt, militärische Einmischung, Kurdenproblem, Verflechtung mit dem Irak-Konflikt: Die politische Mängelliste der Türkei ließe sich noch lange fortsetzen, doch ökonomisch hat das Land eine fast blütenweiße Weste. Die ausländischen Direktinvestitionen sprudeln seit Jahren, die Aktienkurse explodierten, der Exportmotor brummt.

"Den Märkten gefällt die ökonomische Bilanz der AKP", resümiert die deutsche Commerzbank in einer Analyse zu den türkischen Wahlen. Das kann man getrost sagen: Privatisierungen sowie die Senkung des Zins- und Inflationsniveaus haben die Aufmerksamkeit der Finanzwelt auf den Bosporus gelenkt. Die Aktienkurse haben sich seit der Machtübernahme durch Ministerpräsident Tayyip Erdogan vor fünf Jahren knapp verfünffacht.

Spitzenwert

Das ist selbst unter den aufstrebenden Schwellenländern ein Spitzenwert. Und größere Sorgen, dass die Börsenhausse durch einen jähen Absturz beendet werden könnte, werden spärlich vernommen. Vielmehr wird nach den Wahlen mit einer Intensivierung des Aufschwungs gerechnet, weil dann viel Unsicherheit weggefallen sein wird. "Die Marktrichtung zeigt weiter nach oben", glauben internationale Beobachter übereinstimmend. Tenor: Je deutlicher der Sieg der AKP ausfallen wird, desto besser für Aktien- und Anleihekurse. Im Falle der Hereinnahme eines Juniorpartners würde das Reformtempo leicht gebremst, was die Stimmung etwas trüben könnte.

Kleine Ritzen

Wenngleich das ökonomische Fundament der Türkei mit jährlichen Wachstumsraten von sieben Prozent und sinkender Teuerung grundsätzlich stabil ist, zeichnen sich kleine Ritzen ab. Die hohe Verschuldung - Tendenz angesichts zunehmender Staatsdefizite steigend - macht das Land anfällig für Turbulenzen. Wenn die Kurse in Istanbul fallen, dann ordentlich: Im zweiten Quartal des Vorjahres rasselten sie gleich um eine Drittel hinunter. Und so chancenreich die geopolitische Lage der Türkei ist, so risikoträchtig ist sie zugleich. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.7.2007)

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    foto: der standard
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