Hohe Kunst, tiefe Schläge

27. Juli 2007, 13:47
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Der große Sprachartist und Wirklichkeitsbekämpfer Werner Kofler wird am 23. Juli 60 Jahre alt

Werner Kofler ist tot, er hat sich erhängt." Am 22. Dezember 2002 flimmerte der "Tatort"-Krimi "Tödliche Souvenirs" über die Fernsehschirme. Das Drehbuch stammte, nicht etwa von Werner Kofler, nein, von Felix Mitterer. Es darf aber davon ausgegangen werden, Mitterer hat den Namen Kofler bewusst gewählt, um sich einen bösen Scherz mit dem Kollegen zu erlauben, der sich in Wirklichkeit nicht erhängt hat, wohl aber eine Schrecksekunde vor dem TV-Gerät erlebt haben wird.

Wo hört die Wirklichkeit auf, wo beginnt die Literatur? Oder, besser: Wo beginnt die Literatur, die Wirklichkeit zu traktieren? Figuren, mehr oder weniger bekannte, die auch in Wirklichkeit so heißen, in Werken der Kunst auftreten zu lassen und diese Figuren dort für ihre Verfehlungen im wirklichen Leben büßen zu lassen, ihnen eine gerechte Strafe widerfahren zu lassen, bis hin zur Todestrafe, das ist eigentlich Werner Koflers ureigenes Revier.

"alle personen, orte, begebenheiten sind wahrheitsgemäß erstunken und erlogen", schickte er "Guggile. Vom Bravsein und Schweinigeln" (1975) voraus, dem vom Aufwachsen in einengenden Nachkriegsverhältnissen handelnden Buch, das bis heute sein meistgelesenes ist. Diese Technik des wahrheitsgemäßen Erfindens dient auch vielen anderen Kofler'schen Kunststücken als Fundament, ebenso wie folgende poetologische Notiz: "Sagt der Leser: Literatur, sagt der Autor: Wirklichkeit; / Sagt der Leser: Wirklichkeit, sagt der Autor: Literatur." Gegen ein Wüten, das sich derart raffiniert absichert, mutet Mitterers Ehrabschneidung plump an.

Zum Vergleich: "Soll ich wieder über andere herfallen?", hebt Kofler in seinem Prosastück "Herbst, Freiheit" (1994) an. "Sollte ich welche übersehen haben, die deshalb der irrigen Ansicht sind, es läge nichts gegen sie vor? Oswald Wiener zum Beispiel, soll ich sagen, Oswald Wiener, ein Scharlatan, die Verbesserung von Mitteleuropa, ein hochtrabender Scheißdreck, soll ich? Gut, ich werde sagen: Oswald Wiener, ein Scharlatan, die Verbesserung von Mitteleuropa, ein hochtrabender Scheißdreck ... (...) Die Wut, wäre sie das? Nein? Soll ich die Namen Gerhard Roth, Erich Hackl nennen und hinzufügen: Kuscheliger Antifaschismus? Soll ich?"

Auch wenn es aus dem Zusammenhang gerissen vielleicht diesen Eindruck vermittelt, ist Koflers Schimpfen nie bloß literarisch verbrämtes Schimpfen, es ist in den meisten Fällen hohe Kunst. Seine Texte sind eigentlich Sprechstücke - sie hören Werner Koflers Gedankenstimme -, Ausschweifungen eines Nachtdichters, die laut gelesen werden wollen und wie Musik in den Ohren klingen. Ehrensache, dass der Schöpfer alle Tonarten beherrscht und das Orchester in seinem Kopf virtuos zu dirigieren versteht.

Seine Abrechnungen - mit Kollegen, "dem Kunstgewerbe und dem Gunstgewerbe", mit der Bussi-Gesellschaft, mit nie belangten Kärntner Nazi-Verbrechern, mit dem Tourismus und auch mit sich selbst - fallen mindestens so untergriffig und hämisch aus wie die von Thomas Bernhard. Nicht ganz zu unrecht wird Kofler bis heute oft mit Bernhard verglichen. Als Wortjongleur ist er ihm sogar überlegen.

Spätestens seit der Trilogie "Am Schreibtisch", "Hotel Mordschein" und "Der Hirt auf dem Felsen" (1988-1991; 2005 als "Triptychon" neu aufgelegt) bewegt er sich in puncto sprachlicher Gewandtheit und Sicherheit auf einem Hochplateau mit Karl Kraus. Zwei weitere Ahnherren hinzugefügt, und schon ist man bei der oft zitierten Selbstauskunft des Dichters "Kleist, Kraus, Beckett, Bernhard - das kann nur ich" angelangt. Das ist sehr vorlaut, aber für Koflers beste Texte gilt es.

Leider zählt der seit fast vierzig Jahren in Wien lebende Villacher jedoch zu den wenig gelesenen Autoren der hiesigen Gegenwartsliteratur. Trotz seines brillanten Witzes, trotz der Lebendigkeit und Finesse seiner Prosa, trotz zahlreicher Fürsprecher und Preise, ja sogar trotz der an sich öffentlichkeitswirksamen Tatsache, dass er mehrmals von Personen, die sich in seinen Werken wiedererkannt und verunglimpft gesehen haben wollen, verklagt wurde. Letzteres übrigens erfolglos.

In der Begründung eines Urteils pro reo Kofler heißt es schön: "Sowohl die die Person Haiders betreffende Textstelle, als auch jene sich auf den Privatankläger beziehende Textstelle sind derartig überzeichnet, dass der verständige Leser dieses Buches keineswegs jetzt annimmt, dass Haider nackt am Marktplatz stehen würde bzw. Jeannee tatsächlich einer Hexenverbrennung in der heutigen Zeit zusehen und dabei sein Glied in den Mund eines Kleinkindes stecken würde."

Der verständige Leser muss beim Genuss von Koflers Literatur seinen Verstand allerdings schon etwas anstrengen. Die Anspielungen gehen über den Kosmos sattsam bekannter Politiker und Medienfiguren oft weit hinaus, sie wagen sich tief in den Unrat der Kärntner Geschichte und reichen bis zu Paraphrasen und Montagen von Texten Kofler lieber Autoren.

"Das realistische Schreiben war nie so meins", sagte er in einem seiner sehr raren Interviews. Und so steht der Mann, der auf aktuellen Fotos aussieht, als wäre er Christoph Grissemanns Vater, heute im Literaturbetrieb mehr denn je allein auf weiter Flur. Mit seinen Büchern unterläuft er beständig Erwartungshaltungen, mitunter auch jene seiner treuen kleinen Fangemeinde. Und obgleich er zu den besten Vorlesern überhaupt gehört, sind Lesungen von ihm ein höchst seltenes Vergnügen.

"Meine Stärke, das Abwarten; meine Schwäche, das Zögern", "Literaturgeschichte - Gewinner und Verlierer", "heitere Verzweiflung" - die "Notizblock"-Einträge Koflers in dem kürzlich erschienenen Band "In meinem Gefängnis bin ich selbst der Direktor", einem Lesebuch mit Texten aus fünf Jahrzehnten, protokollieren vordergründig die Gedanken eines zu Unrecht übersehenen Autors, eines Kaufmannssohnes, dessen literarische Erzeugnisse nur stockend Absatz finden. Wirklichkeit? Kunst. Es handelt sich bei diesen Notaten um hochgradig verdichtete Prosaminiaturen, denen man ein gerüttelt Maß an kunstvoller Stilisierung attestieren darf.

Und der echte Werner Kofler, möge er bitte aufstehen? Es gibt nur wenige gesicherte Auskünfte über ihn, abgesehen davon, dass er kaum jemals ohne Bierglas und Zigarette angetroffen wurde und ein erstklassiger Tischtennisspieler sein soll. Und natürlich, dass er lebt und so schnell nicht aufhören wird, die Wirklichkeit literarisch zu bekämpfen. Mehr muss man auch nicht wissen. Alles andere steht, wie immer, in den Büchern. (Sebastian Fasthuber, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.07.2007)

Werner Kofler, "In meinem Gefängnis bin ich selbst der Direktor. Lesebuch mit Audio-CD". Herausgegeben von Klaus Amann. 25,60/333 Seiten. Klagenfurt, Drava 2007.

Ebenfalls lieferbar und empfohlen: "Triptychon. Am Schreibtisch; Hotel Mordschein; Der Hirt auf dem Felsen". 25,60/ 457 Seiten. Wien, Deuticke 2005; "Kalte Herberge. Bruchstück". 15,40/88 Seiten. Wien, Deuticke 2004; "Guggile. Vom Bravsein und Schweinigeln. Eine Materialsammlung aus der Provinz". 18,40/139 Seiten. Wien, Deuticke 2004.
  • Artikelbild
    foto: marko lipus
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