Immer von den Rändern her

27. Juli 2007, 13:47
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Peter Henischs großer Wien-Roman "Pepi Prohaska Prophet" wurde endlich neu aufgelegt

Eines der bekanntesten Bücher der ungarischen Literatur, Dezsö Kosztolányis Ein Held seiner Zeit (1933), erzählt die Geschichte des mehr als extravaganten Kornél Esti aus der Sicht seines biederen, ängstlichen Freundes, in einer Mischung aus Faszination und moralischer Missbilligung. Eine ganz ähnliche Konstellation hat Peter Henisch für seinen großen Wienroman Pepi Prohaska Prophet (1986) gewählt: Auch hier webt dramaturgisch höchst wirkungsvoll der Geist des Mephistopheles, auch hier kennen sich die beiden Freunde seit Kindheitstagen und verlieren einander später immer wieder für Jahre aus den Augen oder überwerfen sich, um eines Tages das Band der Freundschaft wieder aufzunehmen, als wäre es nie gerissen. Auch bei Henisch ist der Erzähler Schriftsteller, während der andere – ebenfalls ein literarisches, mehr noch ein rhetorisches Talent – sich ganz auf das Ausüben der Lebenskunst konzentriert.

Pepi Prohaska Prophet, nach zwanzig Jahren nun neu aufgelegt, ist der gelungene Versuch einer literarischen Doppelbelichtung, die Charaktere und Geschehen durchscheinender, zarter und reizvoller hervortreten lässt, als jede "einfach" realistische Erzählung das zustande brächte. Der Roman umfasst eine Spanne von 1950, als Bundespräsident Karl Renner starb, bis 1983, als der polnische Papst Wien besuchte, und ist somit auch ein Stück österreichischer Mentalitätsgeschichte, ein politisches Sittenbild: Dem Ich-Erzähler hat der Autor listig den Namen Engelbert gegeben, er stammt aus tiefschwarzer kleinbürgerlicher Familie, besucht später ein Konvikt und will Priester werden; "Engerl" genannt, liefert er das Kontrastbild zum schlimmen Pepi, der sich schon bei den Straßenumzügen der Nikolos eindeutig festgelegt hat: "Ich halte zu den Kramperln."

Pepi Prohaska, intellektuell wie erotisch frühreif, hat einen Künstler zum Vater, eine aufregend schöne Mutter und eine ebenso patente wie dünkelhafte jüdische Großmutter, und die ganze Familie wählt die Roten. Pepis schulische und berufliche "Karriere" ist vom steten Wechsel zwischen kurzlebiger Anpassung und Rebellion geprägt, während Engelbert noch als entlaufener Priesterseminarist hoffnungslos brav wirkt. Anfangs eine eher blasse Gestalt, gewinnt auch er zusehends Kontur, spätestens als er, lange asexuell lebend und deutlich am eigenen Geschlecht orientiert, aus lauter Loyalität die abgelegte Braut des Freundes ehelicht. Der lässt, bald glühender Marxist, bald religiös Suchender, keine wesentliche Zeitströmung aus, ehe er es Anfang der Siebzigerjahre als "Diogenes vom Laaerberg" und später als Anführer einer radikal leistungsunwilligen Kommune zu lokaler Berühmtheit bringt – auch er "ein Held seiner Zeit".

Als einer, der glaubt, dass man sehr wohl "auf zwei Kirtagen tanzen" kann, versucht er den "Selbstgenuss der Person" stets zu steigern und stiehlt so Freund Engelbert (auf der Frankfurter Buchmesse) auch noch als Literat die Show: "Er gefiel sich. Und die weniger hübsche Welt konnte und sollte ihn im doppelten Sinn dieses Wortes gern haben." Dass es dem Schelm trotzdem mit der Transzendenz ernst ist, offenbart Engelbert als dessen widerstrebend anhänglicher Biograf, indem er aus nachgelassenen Gedichten und Notizen zitiert, zum Beispiel einer beherzten "Widerlegung der Bergpredigt". Peter Henisch erzählt von Ernstem spielerisch und mit beachtlicher stilistischer Elastizität, einmal ausschweifend, dann wieder anekdotisch pointiert. Er führt als historischer Reiseleiter in das tiefe Österreich der Nachkriegszeit und in die dazugehörige Gegenwelt, durchweht vom 68er-Geist, vom Hippiegedanken, von asketischen Erlösungsutopien, und weil er beides mit gar nicht leiser Ironie tut, ist die Lektüre ebenso erhellend wie amüsant.

Nicht zuletzt ist Pepi Prohaska Prophet auch ein Abgesang auf ein von säuberlichen Stadtentwicklungsplänen fast völlig ausradiertes Wien, in dem die Gestettengasse noch wirklich zu einer Gstätten führte und im "Erdberger Mais" Salatfelder gediehen. Als am Stadtrand die "Saison der Planierraupen" so richtig beginnt, ist für den aufrechten Pepi ("Sie schütten die Widersprüche zu!") der Augenblick gekommen zu verschwinden. Gottlob hat er der Nachwelt auch Psalmen hinterlassen: "Du Gott aus der Wüste, / (...) Du Gott, ja, Du Gott der Peripherie! / Immer von den Rändern her / oder nach den Rändern hin". (Daniela Strigl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.07.2007)

Peter Henisch, "Pepi Prohaska Prophet". € 21,90/398 Seiten. Residenz, St. Pölten-Salzburg 2007.
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    cover: residenz verlag
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