Essay: Die Grenze der Zauberei

20. Juli 2007, 17:42
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Was Sie schon immer über Harry Potter wissen wollten, aber nie wagten, Max Weber zu fragen

Haben Sie schon mal Kindern beim Harry-Potter-Spielen zugesehen? Sie fuchteln mit ihren selbst gebastelten Zauberstäben und rufen sich lateinische Flüche zu. Stupor! Expelliarmos! Avada Kedavra! Stundenlang. Gleichermaßen fasziniert von der Fremdheit der Wörter und den strikten Regeln ihrer Auswirkung.

Wie jeder Erwachsene habe auch ich meine Verneinungsgeschichte mit Harry Potter. Ich hätte die Bücher nie gelesen, habe eine tiefe Abneigung gegen das Fantasy-Genre, aber das erzwungene Vorlesen der Bände 1 bis 5 hat seinen immer wieder kolportierten Effekt nicht verfehlt: Man wird mitgerissen, von den Figuren, von der Geschichte und fiebert der Fortsetzung entgegen. Band 6 war der einzige Moment, wo ich die zwischenzeitlich stabilisierte Lesefähigkeit meines Sohnes bedauert habe. Er hat ihn allein gelesen.

Mit Eskapismus lässt sich das ebenso wenig erklären, wie mit einer "Remythisierung", einer "ästhetischen Wiederverzauberung" (Norbert Bolz) in unserer entzauberten, aufgeklärten Moderne. Solche Befunde sind unbefriedigend, denn sie übersehen, dass es sich bei den Romanen auch um ein Paralleluniversum handelt, das unserem sehr ähnlich ist. Also säkularer Religionsersatz oder Spiegel unserer Welt?

Die Fragestellung allein zeigt bereits, wie komplex diese Bücher sind. Eine Komplexität, die sich ebenso dem allseits beschworenen ewigen Kampf zwischen Gut und Böse als deren Grundmuster widersetzt. So funktionieren Fantasygeschichten. Aber eine Geschichte, wo es ebenso eine Menschen- wie eine Zaubererwelt gibt, die wiederum in Gute und Böse gespalten ist, was aber keine strikte Unterscheidung ist, da sie Gesinnungswandel ebenso wie Opportunismus zulässt?

Die Menschenwelt hat eine besondere Funktion in diesem ganzen Setting. Es ist wohl allseits bekannt, dass selbige Muggel heißen – also konsequent aus der Zaubererperspektive betrachtet werden. Damit ist klar, dass die Zaubererwelt ein Außen kennt. Und dieses Außen ist zentral, denn es garantiert die Realität des Potter-Universums in mehrfacher Hinsicht. Zum einen existiert dieses neben oder quasi inmitten unserer Muggelwelt – wie das Gleis 9¾ für die Abfahrt des Hogwartsexpress zwischen Gleis 9 und Gleis 10 liegt. Es könnte also tatsächlich existieren. Der Muggel-Leser muss seine Lebenswelt nicht transzendieren, um an dieses "Jenseits" zu glauben. Aber nicht nur für den Leser, auch für die Figuren ist der Bezug zu diesem Außen entscheidend, scheiden sich an diesem doch die guten von den bösen Zauberern – also jene, die für einen Multikulturalismus oder gar eine Vermischung mit den Muggeln stehen und jene, die eine strikte Trennung, die ethnische Reinheit der Zaubererwelt fordern – die reinen Fantasy-Adepten innerhalb des Buches gewissermaßen.

Die Zaubererrealität ist also nicht das ganz Andere der Menschenwelt. Sie ist gegenüber den Muggeln nur etwas verschoben. Anders gesagt, die zwei Welten sind zugleich ganz anders und sehr gleich. So mobilisiert die Realitätsnähe des Potter-Universums gleichzeitig Identifikation und Phantasie.

Worin aber besteht diese Realität? Sie besteht darin, dass es eben keine Fantasy-Geschichte ist, die mit ihrer einfachen Entgegensetzung von Gut und Böse das unpolitischste Genre überhaupt ist. Bei J.K. Rowlings jedoch haben wir es mit der Komplexität einer Phantasiewelt zu tun, wo Magier gleichzeitig auch eine Verwaltung – das Unmagischste schlechthin – haben. Neben dem Ministerium hat diese paradoxe Welt noch eine zweite wesentliche Institution: eine Schule. Mit der Verwaltungseinheit "Ministerium" und der Reproduktionseinheit "Schule" und deren jeweiligen Amtsinhabern, dem Minister und dem Schulleiter, ist diese magische Welt alles andere als irrational.

Sie präsentiert sich vielmehr als eine Mischung von bürokratischer und traditionaler Herrschaft, eine Verbindung von rationaler, regelgeleiteter Macht mit einem Alltagsglauben an die Traditionen. So sieht also bei Harry Potter die Seite des Guten aus. (Wobei selbst das nicht eindeutig ist, denn das Ministerium ist schon mal gekippt und hat sich in eine totalitäre Bürokratie verwandelt.) Ihr Gegenspieler – der sich klassisch, in einem Akt der Selbstermächtigung, selbst einen Namen verliehen hat, indem er seinen gegebenen Namen in einem Anagramm zu Lord Voldemort umstellt – Lord Voldemort also, repräsentiert die dritte Form der Herrschaft, die regelfremde, die charismatische Macht.

Damit spielen die Bücher im Spannungsfeld von Max Webers drei Herrschaftsformen. Und damit sind wir auch beim zentralen Thema – dem Charisma, auch wenn dieses Wort kein einziges Mal auftaucht. Die Bücher, könnte man sagen, schildern den Konflikt zwischen charismatischer und traditional-bürokratischer Macht. Wobei dieser Konflikt selbst wiederum komplex ist. Denn er ist nicht reduzierbar auf die Konfrontation zwischen Institution und Charisma. Vielmehr haben die Figuren, die diesen Institutionen vorstehen nicht weniger Charisma als deren Herausforderer – allen voran der Schulleiter Alblus Dumbledore. Nur hat dieser seine charismatischen Fähigkeiten in den Dienst der Ordnung gestellt, während Voldemort eben diese nützt, um die Macht (zurück) zu erobern. Sodass man sagen muss: Charisma ist das zentrale Moment, denn es ist sowohl das, was die magische Ordnung stützt, als auch das, was sie bedroht.

Dumbledore ist nicht der "Herrscher der weißmagischen Welt", wie der Potter-Kenner Michael Maar schreibt, er ist vielmehr und in erster Linie deren Amtsinhaber. Dies ist genau jene entscheidende Differenz, um die die tödliche Auseinandersetzung geführt wird: Steht das Charisma innerhalb der Ordnung – oder außerhalb.

Wobei hier noch ein Spezifikum dieses Kampfes erwähnt werden soll, das sich mit zunehmender Bedeutung durch alle Bände zieht. Harrys Siege über Voldemort gründen letztlich auf der magischen Kraft von Liebe, Treue und Freundschaft. Dieser Umstand verliert seine Plattheit, wenn man ihn mit dem zusammen liest, wogegen er steht: Der nahezu tote Lord kehrt als Parasit an anderen Lebewesen beziehungsweise in wechselnden Partialobjekten, den Horkruxen, wieder. Das sind Dinge, magische Behälter, in denen er noch zu Lebzeiten seine Seele oder Teile seiner Seele aufbewahrt hat. Das Böse besteht (auch) in einer Parzellierung der Seele, in der Auflösung der Einheit der Person und des Körpers also, die ein wesentliches Thema der Bücher ist.

Während das Gute (auch) darin besteht, an der Einheit der Person, der Identität, ebenso wie an der historischen – etwa der familiären – Kontinuität festzuhalten. In dieser Konfrontation erhält das Liebe-Treue-Freundschaftsmotiv eine ganz andere Konnotation: Es wird zu einer Stütze der traditionalen Ordnung, die wesentlich durch Kontinuität zusammengehalten wird. Dabei sollte man nicht vergessen, dass bereits bei Max Weber die traditionale Herrschaft meist aus der Versachlichung, der Veralltäglichung des Charismas, aus seiner Institutionalisierung also hervorgeht. In diese Ambivalenz ist auch Hogwarts, die Zaubereischule, eingeschrieben. Was lehrt diese? Sie ist keine gnostische Sekte, die geheime Wahrheiten weitergibt, sondern eben eine Schule, die Können lehrt. Jeder weiß, der Fluch "Expelliarmos" dient der Entwaffnung des Gegners. Aber das Wissen alleine reicht nicht aus. Das ist genau jene Grenze der Zauberei, die Rowlings für so relevant hält. Man muss den Zauber also können. Worin aber besteht dieses Können? In viel historischem Wissen, wie es die eifrige Hermine Granger verkörpert, aber in letzter Instanz in den magischen Fähigkeiten, der Begabung, die nichts anderes als eben das Charisma ist. Damit überlebt man sogar den Todesfluch.

Eine Schule, die solch Außeralltägliches lehrt, steckt in einer ausweglosen Aporie (darin den Muggelschulen letztlich nicht unverwandt). Zum einen soll sie durchschnittliche, normale Zauberer hervorbringen, die den Zaubereralltag – denn auch einen solchen gibt es in der paradoxen Potter-Welt – meistern sollen, auf der anderen Seite bedarf sie der Ausnahmefiguren für die existenziellen Kämpfe ebendort. Denn Hogwarts ist nicht nur Vorbereitung fürs Zaubererleben, sondern auch der Schauplatz, an dem deren Konflikte ausgetragen werden.

In diesem Sinne muss sie eine spezifische Erziehung leisten. Sie muss sowohl ein Wissen vermitteln, das erlernt und eingeprägt werden kann, wie auch jene Fähigkeiten, die nur "erweckt und erprobt" werden können, also das, was Max Weber als "charismatische Erziehung" bezeichnet hat. Was das bedeutet, hat er aber nicht dazu gesagt;bei Harry Potter sehen wir es deutlich: Die magischen, die charismatischen Fähigkeiten, die bei Harry geweckt werden, sind immer auch – vielleicht sogar nichts anderes als – rebellische Energien. Das zeigt sich nicht zuletzt an der dramaturgisch genialen Nähe von Harry und Lord Voldemort, an der Verwandtschaft ihrer magischen Fähigkeiten. Bei Rowlings erfahren wir sehr anschaulich, dass die Differenz zwischen Gut und Böse keine substanzielle, sondern nur eine der Zielrichtung ist. Richten sich dieselben Kräfte gegen die Ordnung oder stützen sie diese. Das Böse ist die Kraft, die für die erste Option votiert hat, das Gute ist die Kraft, die sich integriert. Harry Potter – ein richtiger moderner Erziehungsroman. (Isolde Charim, Mitarbeit: Moritz (10) und Noah (5,5) Charim, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.07.2007)

Isolde Charim, geboren 1959 in Wien, studierte Philosophie. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität Wien und Publizistin.
  • Eine der Grundfragen der Harry-Potter-Bände lautet: "Steht das Cha-risma inner-halb der Ordnung – oder außer-halb?"
    illustration:michaela pass

    Eine der Grundfragen der Harry-Potter-Bände lautet: "Steht das Cha-risma inner-halb der Ordnung – oder außer-halb?"

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