"Michael, warum sagen die nichts?"

24. Juli 2007, 12:30
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Großes Amerika, große Budgets, großes Office, große Aussicht: Die Vorarlbergerin Julia Neumann und Kollege Michael Schachtner lernen bei Saatchi & Saatchi in New York

Der größte Unterschied zwischen Österreich/Deutschland und Amerika sind wahrscheinlich die Budgets. Hier läuft nichts unter einer Million Dollar. Wenn das kalkulierte Budget für einen TV-Spot 600.000 beträgt, dann ernten wir solche Kommentare wie: "Sind die verrückt? Wie stellen die sich das denn vor? Das wird doch nie was! Welche Regisseure sollen sich denn dafür interessieren?" Wir sind schon seit acht Monaten hier, aber das war das erste Mal, als wir richtig baff waren.

Großes Budget, großes Office

Im großen Amerika muss halt alles groß sein, nicht nur die Budgets, sondern auch das Office. So scheiden sich die Wichtigen von denen, die eher nicht so wichtig sind. Kreativdirektoren bekommen drei Fenster, Senior Kreative zwei, und Michael und ich sitzen an einem großen Tisch, versammelt mit allen die dann noch übrig bleiben. Wir haben aber Glück, denn es gibt auch Offices am Gang ganz ohne Fenster.

10 Minuten Eckoffice

Das Beste aber ist ein Eckoffice, da sitzen die Großen von den Großen und genießen entweder den Überblick über den Hudson River und der Freiheitsstatue, oder sie schauen nach Soho, was ja auch nicht unbedingt übel ist. Wenn man Glück hat, kommt man einmal in der Woche dorthin um zu präsentieren und darf für 10 Minuten Eckoffice genießen, was entweder sehr schön oder sehr enttäuschend sein kann, wie wir alle wissen.

"Warum sagt denn keiner was?"

Präsentieren ist hier überhaupt so ein Ding. Als wir zum allerersten Mal einem Kunden etwas präsentieren durften war das ungefähr so: das Meeting wird geplant, verschoben, noch mal verschoben und dann treffen sich alle zuständigen oder sich zuständig fühlenden Personen rund um ein Telefon. Alles in allem sind wir 15 Personen, von denen Michael und ich 12 noch nie im Leben gesehen haben.

Wir klingeln durch, bis am anderen Ende sich der Kunde meldet, der für unseren monatlichen Gehaltscheck sorgt. Das wissend, mit 20 Leuten im Nacken und der Grundnervosität, die sich durch das Deutsch-Englisch Problem noch leicht verstärkt, fangen wir an unsere Ideen zu präsentieren.

Ganz stolz warten wir auf ein kleines Lob von Kundenseite, doch passieren tut genau gar nichts. Weder ein aha, noch ein mhm. Nichts. "Warum sagt denn keiner was?" frage ich Michael. Wir schauen uns beide verwirrt und ratlos an, bis dann endlich jemand mit gebrochenem Deutsch antwortet: "Wissen Sie, die durfen nichts sagen, ja, die müssen das alles geheim beraten, ja, ob sie das Ideen gut finden oder nicht."

Ach so. Wir müssen also noch viel lernen. (Julia Neumann, Michael Schachtner)

Zur Person
Die Vorarlbergerin Julia Neumann und ihr Münchner Kollege Michael Schachtner arbeiten derzeit für Saatchi & Saatchi New York, beide besuchten die Miami Ad School in Hamburg. Neumann und Schachtner sind mitverantwortlich für einen diesjährigen Cannes-Löwen in Silber für Procter & Gamble.

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Hier machen sich Agenturchefs und Kreative Gedanken über die Werbung und die Welt.

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    foto: julia neumann
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