Kleine Feinde, große Qual

23. Juli 2007, 10:17
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Kleine Feinde, große Qual: Hautpilze zählen zu den häufigsten Hauterkrankungen weltweit

Bis heute werden Hautpilze gerne als kosmetisches Problem verharmlost oder wegen fehlender Diagnostik falsch behandelt. Als potenzielle Infektion verdienen sie jedoch wesentlich mehr Beachtung.

Der Sportlerfuß ist ein Fußpilz. Das klingt missverständlich, ist bei näherer Betrachtung aber irgendwie logisch. Pilze lieben es feucht und warm, darum fühlen sie sich in schweißtreibenden Sportschuhen besonders wohl. Sie vermehren sich und warten auf eine Gelegenheit, in die Hornsubstanz von Haut und Nägeln einzudringen.

"Beim Laufen entstehen durch regelmäßig chronische Erschütterungen kleinste Mikroverletzungen an den Fü-ßen", erklärt Gabriele Ginter-Hanselmayer von der Grazer Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie. So gelingt es den so genannten Dermatophyten oder Fadenpilzen, ihren Weg in die oberste Hautschicht zu finden. Die Grazer Dermatologin macht jedoch nicht ausschließlich den steigenden Fitnessboom dafür verantwortlich, dass mittlerweile 30 Prozent aller erwachsenen Europäer an Fuß- und Nagelpilzinfektionen leiden.

Schlecht durchblutete Füße, Diabetes, Rauchen, zu viel Seife und Übergewicht reiht sie ebenfalls in die lange Liste der möglichen begünstigenden Faktoren.

Oftmals keine Therapie

Gefährlich in dem Sinn sind Dermatophyten nicht. Sie bleiben immer an der Oberfläche der Haut und Nägel und dringen nie in das Körperinnere ein. "Man stirbt nicht daran, man stirbt damit", erklärt Ginter-Hanselmayer den Grund, warum Dermatomykosen häufig bagatellisiert werden. Besonders infizierte Nägel sind für Betroffene eher ein kosmetisches Problem. Die Nägel sind gelb, brüchig und unnatürlich dick, machen aber lange Zeit kaum Beschwerden. Zur Abklärung oder Therapie kommt es daher oftmals nie. Georg Stingl, Vorstand der Abteilung für Immundermatologie und Infektiöse Hautkrankheiten der Medizinischen Universität in Wien, warnt davor, Hautpilzinfektionen zu verharmlosen: "Patienten mit Rotlauf haben häufig Fuß- oder Nagelpilze." Die Pilzinfektion dient den Streptokokken als Eintrittspforte, so werden bei diesen oft schwer verlaufenden bakteriellen Infektionen der Haut und Lymphwege vom Dermatologen immer auch die Zehenzwischenräume inspiziert.

Generell hält der Experte Hautpilze selbst für potenziell ansteckend, vor allem wenn sie von Tieren auf Menschen übertragen werden. Im Gegensatz zu Pilzen, die von Mensch zu Mensch übertragen werden, verursachen diese zoophilen Dermatomykosen besonders schwere und akute Entzündungen auf der Haut.

Katzen als Überträgerinnen

In Mitteleuropa ist vor allem Microsporum canis ein Begriff. Er befällt die behaarte Kopfhaut und kann unbehandelt zu Haarausfall und bleibender Vernarbung führen. Infektionsquelle dieses hochansteckenden Pilzes sind vor allem Katzen. Davon befallen werden vorwiegend Kinder. Dies macht die Tinea capitis erst recht zur Problemmykose, denn in Österreich gibt es kaum Pilzmittel, die für Kinder zugelassen sind.

Zu all diesen Schwierigkeiten gesellt sich noch eine weitere. "Pilze werden oft für Ekzeme gehalten, obwohl es in Wirklichkeit keine sind", berichtet Stingl, der immer wieder mit Patienten zu tun hat, die bereits monatelang falsch behandelt wurden. Dermatologen verwenden dann den Begriff Tinea incognita: die unerkannte Dermatophyteninfektion. "Das Problem ist die fehlende Diagnostik", ergänzt der Immundermatologe.

Mischpräparate

Dabei lassen sich unter dem Mikroskop betrachtet die typischen Pilzelemente (Hyphen) in Hautschuppen, Haaren und Nägeln schnell identifizieren. "Um sich den Pilzbefund zu ersparen, bekommen die Patienten in der Praxis oft Mischpräparate", sagt Stingl. Die Bemühung, damit gleich alles zu behandeln, was es eventuell sein könnte, führt jedoch nur selten zum Erfolg.

Denn Inhaltsstoffe wie Antibiotika, Kortison und pilzwirksame Medikamente sind in diesen Präparaten zu niedrig dosiert. "Der Pilz lebt weiter, und zusätzlich entstehen oft Resistenzen und Allergien", ergänzt Ginter-Hanselmayer. Sie behandle Kopf- und Nagelpilze ausschließlich systemisch mit Tabletten. "Sind Patienten behandlungstreu, dann sind Pilze an anderen Körperstellen auch lokal mit einer Salbe therapierbar", berichtet die Dermatologin.

Wie schwierig es ist, Betroffene zu motivieren, zweimal täglich über Wochen hinweg ihren Pilz einzuschmieren, weiß auch Stingl. Hat sich der Hautpilz bereits großflächig ausgebreitet, dann behandelt auch er lieber systemisch. Aber auch dies führt oft erst nach wochen- bis monatelanger Einnahme zum endgültigen Erfolg. (Regina Philipp, DER STANDARD Printausgabe, 23.7.2007)

WISSEN
Befall und Bekämpfung
Dermatophyten sind Fadenpilze. Mit ihren Hyphen (Fäden) bilden sie geflechtartige Gebilde (Myzel) und ernähren sich von der Hornsubstanz (Keratin) der Haut, Nägel und Haare. Hefen sind Sprosspilze. Sie befallen Haut- und Schleimhäute, dringen aber auch in das Körperinnere vor. Schimmelpilze lösen nur selten Hautmykosen aus. Viel häufiger kommt es zur Invasion dieses Fadenpilzes. Bekannt ist vor allem die Aspergillose, die in den meisten Fällen eine Infektion der Lunge darstellt. Eine Ausbreitung in Herz, Nieren und Gehirn ist ebenfalls möglich. Jede erfolgreiche Pilz-Therapie setzt den Nachweis des Pilzes unter dem Mikroskop (Nativpräparat) oder in der Kultur voraus. Sowohl für eine lokale als auch für die systemische Therapie steht eine Vielzahl von pilzwirksamen Medikamenten zur Verfügung. Mittel der Wahl sämtlicher Pilzinfektionen sind aufgrund ihrer breiten Wirkung Azole. Alternativ wird bei hartnäckigen Fuß- und Nagelpilzinfektionen Terbinafin in Form von Tabletten angeboten. Nystatin zählt zu den sogenannten Polyenen und wird vorwiegend bei Candidainfektionen der Haut und Schleimhäute eingesetzt. Über die Vene verabreicht eignet sich Amphotericin B in der Therapie invasiver Mykosen. (phr)
  • Schimmelpilz-sporen unter dem Mikroskop - nur eine von vielen Pilzarten, die den Körper befallen können
    foto: uni ulm

    Schimmelpilz-sporen unter dem Mikroskop - nur eine von vielen Pilzarten, die den Körper befallen können

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