Jazzfest Wiesen: "Hi-De-Ho!" und Huun-Huur-Tu

25. Juli 2007, 19:10
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Am Freitag startet ein langes Wochenende des "melting pot" ethnischer Kulturen im Burgenland

Wiesen – Nostalgie bedingt oft einen eingeschränkten Blick auf die Vergangenheit. Der New Yorker Mundharmonikaspieler, Gitarrist und Sänger Wade Schuman versucht deshalb, den prosperierenden lokalen und regionalen amerikanischen Musikstilen Anfang des 20. Jahrhunderts, also lange vor deren Homogenisierung durch die elektronischen Massenmedien, auf den Grund zu gehen.

Deshalb wühlt er mit seiner Band Hazmat Modine auch beherzt im damals dynamischen, sich ständig verändernden und transformierenden "melting pot" ethnischer Kulturen. Aus diesem sollten sich in Folge nur scheinbar fest gefügte, kanonische Stile wie Dixieland, Bluegrass, Ragtime, "Jazz" oder eben Rock 'n' Roll destillieren. Lateinamerikanische, karibische und afrikanische Wurzeln werden von Hazmat Modine ebenso geborgen, wie sich in die Songs der kleinen feinen Big-Band-Swing-Strukturen einschleichen, der Countryblues fest mit den Füßen aufstampft oder Calypso und Reggae wie auch Tango oder slawische Traditionen Eingang finden.

Wichtig bei all dem: Wade Schuman möchte sich den direkten, den im besten Sinn simplizistischen Zugang zu seinen Songs nicht mit unnötiger Virtuosität und weltmusikalischen Leistungsschauen verstellen. Ihm geht es darum, das Publikum mittels eines hochemotionalen Zugangs weniger zu beeindrucken denn zu rühren.

Wie man auf dem heuer erschienenen Album Bahamut (Vertrieb: Hoanzl) nachhören kann, auf dem als sich im Gospelgesang übende Gäste die aus dem südsibirischen Tuva kommenden Kehlkopf- und Obertonsänger Huun-Huur-Tu auftauchen, entsteht so eine Form von retrofuturistischer Bluesmusik. Man kann diese so vergleichsweise auch beim späten Tom Waits hören. Von Waits mag man sich auch die ungewöhnliche Besetzung abgeschaut haben. Statt Bassgitarre ist eine Tuba zu hören, die gerade in New Orleans einen Trauerzug begleitet. Die Gitarren schippern Richtung Kuba. Zwei Mundharmonikas treffen sich an einer Kreuzung in Mississippi. Dazu gesellen sich noch skurrile Instrumente wie Klaviola, Basssaxofon, Zymbalon, chinesische Mundorgel ... und Schuman vorne gibt den Scat- und Jive-Entertainer im Stile eines Cab "Hi-De-Ho!" Galloway.

Alles fließt!

Wie kaum eine andere Band derzeit definieren die am Samstag um 19.30 erstmals in Österreich aufspielenden Hazmat Modine damit vielleicht am Prägnantesten den etwaigen Sinn einer Begriffsdefintion von Jazz, wie er auch heuer wieder beim Jazzfest im burgenländischen Wiesen als offenes System betrieben wird: Alles fließt!

Am Freitag weiters in Wiesen auf der Bühne: Shantel & Bucovina Club Orkestar, Amsterdam Klezmer Band, Fatima Spar & Freedom Fries.

Am Samstag: Brooklyn Funk Essentials, Hazmat Modine, Daniele Sepe.

Am Sonntag: Lovely Rita, Candy Dulfer, Nicola Conte Jazz Combo. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2007)

  • Wade Schuman (links) und seine fantastische New Yorker Klezmer-Blues-Funk-Partie Hazmat Modine gastieren Samstag beim Jazzfest in Wiesen.
    foto: hoanzl

    Wade Schuman (links) und seine fantastische New Yorker Klezmer-Blues-Funk-Partie Hazmat Modine gastieren Samstag beim Jazzfest in Wiesen.

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