Sonnenstrom boomt - im Ausland

4. September 2007, 15:33
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Die Fotovoltaik-Branche hat sich in Deutschland bereits zu einem gewaltigen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Auch Österreicher mischen mit - während der Heimmarkt einbricht

Wien/Berlin - Die Fotovoltaikbranche steht buchstäblich unter Strom - im Ausland. Während hierzulande bereits eine Sonnenstromanlage auf dem Dach des Ernst-Happel-Stadions als "neuer Umweltmaßstab" gefeiert wird, hat sich Deutschland in den vergangenen Jahren bereits mit Abstand zum größten Fotovoltaikmarkt der Welt gemausert. Wurden bei unseren nördlichen Nachbarn 2003 noch Anlagen mit einem Potenzial von 100 Megawatt installiert, so waren es 2006 bereits 514 MW. Im bayrischen Erlasee etwa wurde das derzeit größte Solarkraftwerk erreichtet, dessen mehr als 1400 Module alle fünf Minuten der Sonne nachwandern - die Nennleistung: zwölf Megawatt.

Und das scheint erst der Anfang gewesen zu sein: Die Firma Q-Cells in Wolfen bei Leipzig ist beispielsweise bereits der weltweit zweitgrößte Hersteller von Solarzellen. Hier wird ein Potenzial von 360 Megawatt pro Jahr produziert - allein bei einer der vier bestehenden Produktionslinien werden täglich 100.000 Zellen hergestellt. Die Linien fünf und sechs sind bereits in Bau, die jährlich weitere 550 Megawatt auswerfen sollen.

Silizium-Engpass

Q-Cells bietet in der wirtschaftlichen Problemzone der ehemaligen DDR bereits Jobs für 1200 Beschäftigte, erwirtschaftete 2006 einen Umsatz von 540 Millionen Euro - und liegt bei einem Börsenwert von rund vier Milliarden Euro.

Einzige Schwierigkeit, gegen den die Solarzellenhersteller derzeit ankämpfen müssen - und den letztlich die Konsumenten bezahlen müssen: Der weltweite Engpass an reinem Silizium. Q-Cells ist es gerade noch gelungen, für fünf Jahre fixe Lieferverträge abzuschließen. Bisher war das hochgradig reine Silizium vor allem ein Abfallprodukt der Computerbranche - mit der Eröffnung neuer Werke, die einen nicht ganz so reinen Rohstoff speziell für die Bedürfnisse der Fotovoltaiker herstellen, könnte diese Hürde in ein bis zwei Jahren überwunden sein.

Das Einspeisegesetz

Wichtiger Motor für die Entwicklung in Deutschland ist auf der einen Seite das 100.000-Dächer Förderprogramm - und auf der anderen Seite das dort gültige Energie-Einspeise-Gesetz: Für 20 Jahre wird derzeit eine Mindestvergütung von 48,1 Cent pro Kilowattstunde garantiert.

Zum Vergleich: In Österreich hatte es 2003 zwar ein gefördertes Einspeisemodell gegeben, aber das wurde mit bescheidenen 15 Megawatt gedeckelt. "Binnen drei Wochen waren damals Anlagen für 40 Megawatt eingereicht", erinnert sich Gerhard Perlot. Der Tiroler ist einer, der im derzeitigen Fotovoltaikboom kräftig mitmischt - im Ausland.

Hoffnungsmarkt Italien

So ist Perlot als technischer Consulter unter anderem bei der Entwicklung der "Mover" dabei - jenen Solarmodulen also, die sich regelmäßig mit der Sonne mitdrehen. "Diese Nachführung bringt einen Mehrertrag von rund 40 Prozent", erläutert Perlot. Wobei das System ständig verbessert wird: Hatten die ersten 52 m² großen "Mover" noch eine Nennleistung von 6,2 Kilowatt, leistet die neue Generation um ein Drittel mehr. Und schon kommen die nächstgrößeren Modelle mit 105 m² Fläche auf den Markt - mit einer Nennleistung von 20 Kilowatt.

"Dieses System wird bereits weltweit verkauft - von Colorado bis Korea", weiß Perlot. "Die derzeit größten Märkte, die im Kommen sind, sind Spanien und Italien. Der Motor für diese Entwicklung: ein attraktiver Einspeisetarif nach deutschem Vorbild.

Immer wieder mischen die Österreicher an der Spitze mit und sind weltweit Vorreiter. Wie etwa die Wissenschafterin Martha Schreiber, eine Expertin für Durchflussbatterien. Schreiber entwickelte in Eisenstadt eine neue Vanadium-Redox-Batterie mit einer prognostizierten Lebenserwartung von 20 Jahren. Der Prototyp dieser Batterie wird derzeit im Einsatz getestet - jedoch in Berlin. Ein kleiner Container, mit dem locker die Energieversorgung von zwei Einfamilienhäusern gesichert werden kann. Und sowohl die Leistung als auch die Speicherkapazität können jederzeit erweitert werden. Der "Mover"-Hersteller Solon will damit vor allem ein gängiges Stammtischargument gegen die Fotovoltaik ausräumen: "Und was is' in der Nacht?"

Die Österreichische Situation belegt allein die nüchterne Statistik: Im Vorjahr konnte die heimische Produktion von Solarmodulen um 123 Prozent gesteigert werden - die Exporte stiegen um genau den gleichen Wert. Doch der Inlandsmarkt ist um 47 Prozent eingebrochen (siehe Grafik).

"Staat schafft Markt"

"Der Boom in Deutschland bestätigt, dass der Staat Märkte schaffen kann - und Österreich hat diese Entwicklung vollkommen ignoriert", kritisiert Grünen-Chef Alexander Van der Bellen nach einer Solar-Tour durch Deutschland. "Das ist mir bis heute unverständlich, warum die Bundesregierung die Ökostromförderung im Vorjahr um 80 Prozent zurückgefahren hat."

Das größte Problem sei in Österreich aus der Sicht Van der Bellens, dass bei der Ökostromförderung kürzere Laufzeiten, geringere Tarife - und die auch noch ohne Sicherheitsgarantie - geboten werden. "Da ist es nicht verwunderlich, dass die zur Verfügung stehenden Mittel bis 1. Juli 2007 zu 94 Prozent noch nicht ausgeschöpft waren." Und dieser Zustand bremst nicht nur die Fotovoltaiker: "Heuer wurde in ganz Österreich nicht ein Windrad errichtet", weiß der Grünen-Chef. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2007)

  • Von Österreichern mitentwickelt: Das weltgrößte Sonnenstromkraftwerk mit Modulen, die der Sonne folgen, steht im bayrischen Erlasee.
    foto: standard/david

    Von Österreichern mitentwickelt: Das weltgrößte Sonnenstromkraftwerk mit Modulen, die der Sonne folgen, steht im bayrischen Erlasee.

  • Von der Österreicherin Martha Schreiber entwickelt: Die Durchflussbatterie kann die Energieversorgung zweier Häuser garantieren - und steht in Berlin.
    foto: standard/david

    Von der Österreicherin Martha Schreiber entwickelt: Die Durchflussbatterie kann die Energieversorgung zweier Häuser garantieren - und steht in Berlin.

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