Die Potter-Piraten

24. Oktober 2007, 17:26
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Denkwürdige Querelen vor Erscheinen des neuen Bestsellers von J. K. Rowling - Von Claus Philipp

Seltsame Dinge ereignen sich dieser Tage: Da nimmt jemand ein dickes Buch in die Hand, legt es vor sich auf den Boden, fotografiert Seite für Seite für Seite ab, und als ob das alles nicht umständlich genug wäre, stellt er das Ganze auch noch Foto für Foto für Foto ins Internet. Mit unerhörten Folgen: Ein großes Verlagsimperium jault auf, eine weltberühmte Schriftstellerin ist traurig und fordert Solidarität, die Medien sind außer sich, und ...? Ja, und der Buchhandel reibt sich mit mehr Vorfreude denn je die Hände.

Marketingstrategisch gesprochen: Etwas Besseres hätte kurz vor dem bombastisch angekündigten Erscheinen des siebten und letzten Bandes der Harry-Potter-Saga nicht passieren können. Waren nicht alle der endlosen Spekulationen darüber, ob Harry P. stirbt oder nicht, schon ein wenig müde geworden? Ist da nicht schon ein wenig Lustlosigkeit im Spiel, wenn Kids derzeit den fünften Potter-Film in den Kinos eher absolvieren als genießen? Bedurfte es nicht kurz vor dem 21. Juli, wenn Leserinnen und Leser die Buchhandlungen stürmen sollen, eines letzten "Kicks"?

Fast möchte man meinen, die jüngst aufgetretenen "Lecks" und (nur mäßig schockierenden) Fälle von "Piraterie" seien Teil einer subversiven Verlagskampagne, die nichts anderes erzählt als: Seht mal, wie dringend die Menschheit dieses Buch braucht! Manche werden sogar kriminell, um es früher als die anderen lesen zu können!

Dass ein derartiger Hype mit seriösen Mitteln zu erreichen wäre - dies scheint kaum noch jemand ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Unter dem Logo "Absolute Geheimhaltung!" und in Ermangelung von Vorab- und Rezensionsexemplaren wird in den Medien auch diesmal mit großer Hast über Harry P. gejubelt oder gewettert werden. Nicht fertig bzw. nur den Schluss zu lesen und trotzdem über das zu Buch schreiben ist da gewissermaßen eins. In der hochrenommierten New York Times vom Donnerstag schoss ein "Kritiker" den Vogel ab und gab auf der Basis eines illegal beschafften Bandes die allerallererste Rezension zum Besten, mit Stehphrasen wie: J. K. Rowlings Saga werde immer düsterer, Harry P. werde jetzt endgültig erwachsen, ja, und angeblich sterben tatsächlich wieder Helden, die den Lesern schon ans Herz gewachsen sind.

Aber hallo! Dies ist in etwa so neu und überraschend, wie wenn man hundertmal den Satz wiederholen würde: "Auch dieses Buch wird verfilmt werden." Offenkundig ist es diesen beschleunigten Zeiten angesagt, schlecht vorbereitet schon vorher darüber zu schreiben, wie etwas gewesen sein wird, weil es nachher ohnehin keinen Menschen mehr interessiert, wie es war beziehungsweise ist. Nachher sollen die Leute einfach nur kaufen und zahlen - und möglichst keine Texte ins Netz stellen. Selbst wenn sie begeistert sind und diese Begeisterung mit anderen teilen möchten.

Dazu fällt einem nun freilich wieder eine Episode aus den frühen Tagen von Harry P. ein. Als Warner Bros. Ende der 90er-Jahre die Film- und Merchandising-Rechte erwarb, kam es bei mehreren jugendlichen Betreibern von Potter-Fan-Websites zu unangenehmen Interventionen von Firmenanwälten: Die Kids mögen sofort aufhören, eigene Vorstellungen zur Saga publik zu machen, von nun an dürfe man nur noch das offizielle Logo und die offiziellen Bilder veröffentlichen. Bei Nichtbefolgen dieser Anweisung sehe man sich gezwungen, gerichtlich vorzugehen. Und das war nur der Anfang einer mittlerweile allerorts gängigen Praxis, in deren Rahmen zum Beispiel Journalisten nicht nur bei Pressevorführungen von Potter-Filmen am Kinoeingang die Handys abgeben müssen. Irgendjemand könnte ja brisante Szenenfotos machen und versenden!

Ist es ein Wunder, dass diese Sicherheitsmaschinerie die Fans zu "Gegenmaßnahmen" provoziert? Nein. Wissen die Fans, dass sie damit den Konzernen nichtsdestotrotz zuarbeiten? Wohl nur bedingt. Ein Narr, wer nun denkt, ähnlich verhalte es sich vielleicht auch in anderen Segmenten unserer Gesellschaft ... (Claus Philipp / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2007)

  • HP7-Raubkopie im Internet
    foto: standard/fischer

    HP7-Raubkopie im Internet

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