Advokat der Klarheit: Michael Gielen

19. Juli 2007, 18:58
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"Unbedingt Musik": Ein Gespräch mit dem österreichischen Dirigenten, der am Freitag seinen 80. Geburtstag feiert

Wien – Seit 60 Jahren steht er im Berufsleben, das "unbedingt Musik" zum Mittelpunkt haben muss. In seinem gleichnamigen Buch erzählt Michael Gielen ohne Pathos von der Kindheit in Deutschland, seine Flucht vor den Nazis nach Argentinien, den Jahren in Wien, dem Weg von Stockholm über Brüssel und Amsterdam nach Frankfurt und Baden-Baden. Daheim ist der Reisende seit vielen Jahren am Mondsee, Erholung findet er in der Toskana.

So bewegt Gielens Leben abläuft, so beständig hat Musik stets die Richtung vorgegeben. "Es war mir schon sehr früh – mit 17 – klar, dass der Gang der Harmonie für die Form der Werke entscheidend ist. Es hat mich fasziniert, wie sich die Harmonie zersetzt, den Weg von Brahms zu Schönberg zu finden. Natürlich ist Wagners Tristan dabei das Schlüsselwerk. Das wesentliche Intervall ist der Halbton, durch den harmonisch alles denkbar wird, ohne dass es tonal erklärbar sein muss."

Neben der Harmonie hat die Frage nach dem stimmigen Tempo Gielens Zugang geprägt. "So wie es bei Beethoven meine Bestimmung war, die zu langsamen Tempi zu korrigieren, war es bei Mahler nötig, die zu schnellen Tempi bewusst zu machen. Mahlers Sechste geht vom deutschen Marsch aus und nicht vom französischen, der schneller ist. Beachtet man das nicht, bekommt die Symphonie eine falsche Leichtigkeit. Ich muss das Tempo des Komponisten respektieren. Wenn ich mir vornehme: 'Das ist ein Trauermarsch, das muss heroisch sein', wird es viel zu langsam."

Das Repertoire der Klassik musste Gielen sich aber hartnäckig erkämpfen. "Als junger Dirigent habe ich nur die Moderne angeboten bekommen. Ich musste bei den Veranstaltern darauf pochen, Beethoven dirigieren zu dürfen!" Der unorthodoxe Weg hatte aber Vorteile: "Ist der Kopf an der Moderne geschult, gewohnt, die Durchsichtigkeit des Partiturbildes zu erarbeiten, sucht man auch in der Klassik die Transparenz." Ungewöhnlich waren auch Gielens "Lehrjahre eines Dirigenten". Unterricht hat er schließlich nie gehabt.

Wichtige Fragen – etwa: "Wie gebe ich einen Auftakt, wenn das Stück nicht auf eins beginnt?" – musste er selbst lösen. Seinen Studenten am Mozarteum war Gielen gerade dadurch ein besserer Lehrer. "Ich konnte ihnen den langsamen Prozess des Lernens aus eigener Erfahrung vermitteln. Ich konnte davon erzählen, wie sehr es auf den Atem, die Spannung der Hand, die Sammlung des ganzen Körpers ankommt."

Den Ruf des strengen, gefürchteten Lehrers will er nicht gelten lassen. "Das ist ein Mythos. Ich nehme die Sache lediglich ernst. Auf den Willen kommt es mir an, nicht auf die Leistung. Glaubt ein Student allerdings, dass er alles besser weiß, dann kann ich schon ungemütlich werden."

Streng geht Gielen auch mit der Situation der zeitgenössischen Musik ins Gericht. "Wenn das zeitgenössische Musikschaffen dem entspricht, was sich in Welt und Politik abspielt, sich also nur ums Geld dreht, und die Komponisten dem nichts entgegensetzen, dann interessiert mich das nicht sehr." Lieber widmet sich Gielen, der heute 80 wird, dem Lesen. Und dies natürlich im Ferienhaus in der Toskana. Ob Krimi oder Vorträge von Adorno – für die Lektüre gilt allerdings vor allem eine Maxime: "Bücher müssen dick und gut sein! Nicht nur gut!" (Petra Haiderer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2007)

  • Der österreichische Dirigent Michael Gielen.
    foto: lenz

    Der österreichische Dirigent Michael Gielen.

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