Freuds Enkel

27. Juli 2007, 18:02
26 Postings

Mark Solms will Psychoanalyse und Hirnforschung vereinen, was ihn dieser Tage nach Wien zu einem Kongress führte

Ein Porträt des schillernden Neuropsychoanalytikers und Freud-Übersetzers, der nebenbei Spitzenwinzer in Südafrika ist. Von Stefan Löffler.

*****

Wien - Wer so unterschiedliche Denkweisen zusammenbringen will wie Mark Solms, ist Kummer gewohnt: "Hirnforscher winken schon ab, wenn das Wort Psychoanalyse auch nur fällt." Wissenschaftlich sei das, was viele Psychoanalytiker in Europa betreiben, ja wirklich nicht, räumt der 46-jährige Neuropsychologe ein. Von letzteren sieht er sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Psychoanalyse gründlich missverstanden zu haben.

Dabei seien Sigmund Freuds Adepten gewissermaßen freudianischer als der Fachgründer selbst. "Freud wäre fasziniert von der modernen Hirnforschung. Schon 1905 schrieb er, die Biologie werde eines Tages alle Theorien über die Psyche hinwegfegen", betont Solms. Als offizieller Übersetzer von Freuds neurologischen Schriften weiß er, wovon er spricht.

Die Beschreibung seines intellektuellen Werdegangs führt zurück auf die Farm in Namibia, auf er aufwuchs. Sein Bruder erlitt bei einem Sturz vom Dach eine schwere Kopfverletzung und kehrte völlig verändert aus dem Spital zurück. Die Frage, was im Kopf seines einzigen Spielkameraden passiert war, habe ihn nicht mehr losgelassen.

Einblicke ins Hirn

Solms entschied sich, Neurologie und Psychologie zu studieren. In den Achtzigerjahren zog es ihn nach London, um mit den damals neuen Kernspintomografen Einblick ins Hirn zu nehmen.

Von Gefühlen oder gar Persönlichkeitsmerkmalen habe allerdings kein Hirnforscher damals etwas wissen wollen. Fast alle Experimente kreisten um kognitive Leistungen. Solms sah sich nach anderen Antworten um. Er entdeckte Freuds Schriften und unterzog sich selbst einer Psychoanalyse.

Dann eröffnete er selbst eine Analysepraxis, arbeitete aber auch weiter im Spital, wo er auf einen Patienten stieß, der trotz einer Stammhirnverletzung Träume schilderte. Bis dahin galt, dass wir nur im vom Stammhirn gesteuerten REM-Schlaf träumen. Solms sammelte weitere Berichte von Hirnpatienten und führte schließlich den Nachweis, dass beim Träumen auch für Emotionen verantwortliche Hirnteile aktiv sind. Damit hatte Solms die vermeintliche Widerlegung von Freuds Traumlehre selbst widerlegt.

Solms bezeichnet sich als einer von wenigen, die Hirnverletzte auch psychoanalytisch behandeln: "Dabei kommt man zu Hypothesen, die es sich mit Bild gebenden Verfahren zu überprüfen lohnt." Vor sieben Jahren hat er die Fachgesellschaft für Neuropsychoanalyse gegründet, die seit Mittwoch im Wiener Imperial Hotel tagt, und eine Fachzeitschrift. Für den Beirat gewann der umtriebige Forscher mit südafrikanischem Hauptwohnsitz Kapazunder wie den Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel, den US-Neurologen Antonio Damasio oder den deutschen Hirnforscher Wolf Singer - allesamt, wie Solms sagt, "Naturwissenschafter, die genug Ansehen haben, auch einmal Freud zitieren dürfen, ohne zerpflückt zu werden".

In einem typischen Monat sammelt er mehr Flugkilometer als andere in einem ganzen Leben: Eine Woche forscht er an der St. Bartholomew's and Royal London School of Medicine in London, eine Woche unterrichtet er am Arnold Pfeffer Center für Neuropsychoanalyse in New York. Oft bringt er, wie jetzt in Wien, noch eine Konferenz unter, bevor er für den Rest des Monats nach Kapstadt jettet.

Dort wird er nicht nur an der Uni, im Krankenhaus und von seiner Familie erwartet, sondern auch auf seinem eine Stunde entfernten Weingut in Franschehoek. Auch als Winzer hat Solms den Ehrgeiz, Gutes zu tun: Sein Lekkerwijn wird von einem renommierten Weinführer als bester Rosé Südafrikas bewertet. Auf dem Gut hat er ein kleines Museum eingerichtet, das die Geschichte der lokalen Sklaverei und Apartheid dokumentiert. Fünfzig Prozent des Anwesens hat er seinen Angestellten überschrieben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. Juli 2007)

  • Mark Solms ist sich sicher: "Sigmund Freud wäre fasziniert von der modernen Hirnforschung."
    foto: standard/regine hendrich

    Mark Solms ist sich sicher: "Sigmund Freud wäre fasziniert von der modernen Hirnforschung."

Share if you care.