Cut Back bis zur Brezn

26. Juli 2007, 17:00
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Mitten in München kommen junge Männer und Frauen morgens um sechs, nach der Arbeit oder am Wochenende an den Eisbach, um an ihr Limit zu gehen

Im Auto im Zentrum Münchens aus dem Tunnel auf die stark befahrene Prinzregentenstraße kommend: Plötzlich quert ein junger Mann barfuß die fünfspurige Fahrbahn. Sein Oberkörper ist nackt, weil er das Oberteil eines Neoprenanzugs lässig bis zu den Hüften gerollt trägt. Unter seinem Arm klemmt ein Surfbrett. Gestrandet?

Sein Ziel liegt neben dem Haus der Kunst, wo der Englische Garten beginnt. Dort schießt der bis dahin unter der Straße fließende Eisbach aus einem gemauerten Doppelbogen hervor. Wasserreich knallt er dabei auf ein Strömungshindernis. Eine betonierte Rampe wurde zufällig in optimaler Stellung gebaut, sodass eine konstante Welle entsteht. Durch den enormen Druck türmt sich diese stehende Welle bis zu einem Meter auf. Ein idealer Spot um zu surfen.

Der junge Mann trägt den Neoprenanzug nun hoch geschlossen und reiht sich an der Ufermauer unter den großen Kastanien in die Warteschlange der anderen Surfer ein. Sein Brett hat er an einem Fußgelenk fest gebunden. Die Surfer sind nicht allein. Am Steingeländer über dem Doppelbogen lehnen viele Passanten, die das Geschehen zum Greifen nah beobachten und dem Verkehr auf der Prinzregentenstraße ihre Rückseite präsentieren.

Der junge Mann ist an der Reihe, springt auf den Wellenscheitel auf und surft die wenigen Meter bis zum anderen Ufer. Dort dreht er sich mitsamt dem Brett um die eigene Achse und reitet am Wellenkamm wieder zurück. Dann ein Three-Sixty, der junge Mann dreht sich auf der Welle um 360 Grad. Das Publikum am Steingeländer applaudiert, die Surfer und Surferinnen am Ufer schlagen mit der flachen Hand auf ihre Bretter.

Entdeckt in den Siebzigerjahren, findet das mitten in einer Großstadt gelegene Surferparadies heute seine fixe Erwähnung im internationalen "Stormriders Guide". Dagegen hält ein zwischen den gemauerten Bögen befestigtes Metallschild. "ACHTUNG! Das Einhängen von Gegenständen zum Zwecke des Surfens und Wellenreitens ist streng verboten. LEBENSGEFAHR!" Als Verfasser firmiert die Landeshauptstadt München. Auch auf der offiziellen Homepage der Stadt wird das Surfen am Eisbach ausdrücklich als verboten bezeichnet. Aber trotzdem in der Rubrik Tourismus als Sehenswürdigkeit empfohlen.

Polizeikontrollen sind sehr selten geworden, sagt Markus Kämmler. Er kommt nach einem anstrengenden Arbeitstag an den Eisbach, um zu surfen. Arbeit bedeutet in seinem Fall das Implantieren von künstlichen Hüft- und Kniegelenken, denn Markus Kämmler ist Orthopäde.

"Früher spielten wir Räuber und Gendarm mit der Polizei, die täglich mindestens einmal vorbei schaute", sagt er, "ständig waren wir auf der Hut". Die Warnung erfolgte durch Pfiffe anderer Surfer oder von Zuschauern. War ein Pfiff zu hören, warf man sich mit seinem Board sofort in den Eisbach und ließ sich tief in den Englischen Garten zu einer Insel treiben. Die Polizisten waren nicht schnell genug, um bis dorthin die Verfolgung aufzunehmen.

Mittlerweile kommen aber nicht nur Desperados, die sich gerne Verfolgungsjagden mit der Obrigkeit liefern. Jeder darf am Eisbach surfen, wenn er die Welle schafft. Jeder ist willkommen. Und das sind nicht nur braungebrannte Menschen, die mit blondierten Haaren eine Muschelkette um den Hals tragen, sagt Architekt Guido Meier. Er selbst kommt tagsüber beruflich öfter am Eisbach vorbei. Ist wenig los, springt er auf die Welle. Einfach schnell zwischendurch. Andere hängen hier den ganzen Tag herum, gehen auf die Welle, plaudern und treffen sich mit Freunden. Die Puristen kommen um sechs Uhr morgens an den Eisbach und genießen es, ohne Publikum ideale Turns auf der Welle zu drehen. Oder Anfänger, die noch unsicher sind und deshalb keine Zuschauer brauchen.

Dann gibt es die Surfer, die Montag bis Freitag um 17.30 Uhr nach der Arbeit an der Prinzregentenstraße eintreffen, sich umziehen, eine Dreiviertelstunde surfen, sich anschließend wieder umziehen und nach Hause fahren. Alle Typen gehen eben anders mit der Sucht zu Surfen um, so Guido Meier. Surfen ist also mehr als eine Sportart.

Auf Hawaii, der Wiege des Surfens, war es das Privileg der Könige, mit einem Brett Wellen zu reiten. Die Bezeichnung dafür lautet "Nalu", das "mit einer Welle ans Ufer gleiten" bedeutet. Aber auch "Weg zu sich selbst" heißen kann. Für Markus Kämmler steht das Surfen aber vor allem für Spaß.

Ein Spaß, der auch immer mehr Medien anlockt. Im Sommer wimmelt es an manchen Tagen vor Fernsehteams und Kameras. Dabei kommt lockere Selbstorganisation zum Tragen. Irgendein Surfer, der häufig am Eisbach ist, wird zum Ansprechpartner. Und zum Beschützer der Surfer, wenn es Probleme geben sollte. Dass es aber einen fixen "Hausmeister" am Eisbach gibt, der aufdringliche Medienleute maßregelt und Anfänger wieder wegschickt, das ist ein Gerücht, sagt Guido Meier.

Der junge Mann reitet immer noch die Welle, gleitet hin und zurück, balanciert mit ausgestreckten Armen sein Gleichgewicht. Doch beim nächsten Cut Back, einer Drehung gegen die Brechungsrichtung der Welle, verliert er die Balance. Er weiß sich aber einen eleganten Abgang zu verschaffen und springt kopfüber in die weiße Gischt hinter der Welle. Jetzt wird es gefährlich. Wer nach einem Wellenritt ins Wasser fliegt, muss beim Eintauchen knapp unter der Wasseroberfläche bleiben. Tiefer unten lauern an die 20 Steinpfosten, bei denen auch der Neopren-Anzug nicht vor blutigen Schrammen schützt. Schwere Verletzungen sind keine Seltenheit.

Der junge Mann taucht aber unversehrt wieder auf, klettert rasch aus dem Eisbach und stellt sich in die Reihe am Ufer. Gleich wird er wieder elegant der Schwerkraft trotzen und die Welle mit seinem Shortboard reiten, mitten im Zentrum einer Metropole. (Peter Fuchs/Der Standard/RONDO/20.07.2007)

Vor den Surfern: Haus der Kunst

Stadt München über die Surfer:
München Tourismus
München Stadtleben

Nach den Surfern:
Riesenbrezen beim Chinesischen Turm
im Englischen Garten


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    Obwohl das Surfen im Eisbach verboten ist, erfreut es sich wachsender Beliebtheit und wird sogar schon als Sehenswürdigkeit der Stadt München beworben. Am Ufer drängen sich die Zuschauer.
    Foto: dieprojektoren.de

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