Ischia – Io Racconterò

19. Juli 2007, 10:06
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Leserin Ingrid Serschen erzählt von Neapel, vom Hafen, von Ihren Plänen auszuwandern und vom bezaubernden Garten der Susana Walton

Am Hafen

Ich warte auf die Fähre von Neapel nach Ischia. Noch wärmt die Sonne über dem neapolitanischen Himmel sehr zaghaft meine Haut, es ist 7 Uhr morgens. Mein Blick in Richtung Ischia gewandt, voll Neugier und Erwartung, fast wie ein Kind das sich auf Weihnachten freut.

Ich befinde mich am Hafen von Neapel, mitten unter Fischern. Ein Schreien, Diskutieren, ein Lachen – und alles mit einer gehörigen Portion italienischer Leidenschaft, sein wie Gott in Italien, auch wenn man nur ein einfacher Fischer ist. Ich liebe diese Stimmung, dieses Flair! Einer der Männer wird wie es scheint seinem Gegenüber gleich an die Gurgel springen, den anderen so lange schütteln, würgen, bis er eingesteht, dass er nicht recht hat.

Ja, Süditalien ist nicht gleich Italien! Die Menschen sind randvoll von leidenschaftlichem Ausdruck, ähnlich der glühenden Mittagssonne am mediterranen Himmel. Diese Unverfälschtheit, mein Gott! Sie pfeifen auf die feine Art, sagen was sie denken, fühlen, sie sind Lebenslust pur, sie sind einfach wie sie sind und das ist gut. Was sag ich gut, sie sind das Beste! Vor allem sind sie Frauenversteher und sei es nur mit kurzem Ablaufdatum. Sie glühen und sprühen mit jeder Phase ihres Körpers. Es ist jedes Mal das Gleiche: ich werde auswandern, hier will ich leben, hier will ich eine von ihnen sein.

Ich warte auf die Fähre von Ischia nach Neapel, es ist wieder so weit, die Gewissheit meinen Traum als ferne Vision ad acta gelegt zu haben – peccato, peccato!

Luciano

... den Kopf leicht in den Nacken geworfen, den Blick etwas verächtlich auf die vielen Gäste gerichtet. Der Kopf, verzeihen Sie mir bitte, aber sein Kopf hat etwas Pferde ähnliches – oder sagen wir etwas von Adriano Celentano. Das Grinsen breit, nicht wirklich freundlich aber irgendwie erhaben. „Un caffè signora?” seine Frage. Es könnte durchaus eine Textstelle in einem Film sein. Er deckt die Tische für das Frühstück, redet angeregt mit seiner Kollegin, zugleich auch mit dem Koch und mit einem Gast.

Der deutsche Gast sagt zu ihm: „ aber sie sind doch, (nein, nicht Adriano) Riccardo!“ Ein Aufschrei seinerseits:“ Luciano, Luciano, wie Luciano Pavarotti!“ Wie kann man nur seine Vornamen vergessen, wie kann man nur! Es folgen heiße, musikalische Diskussionen, über Startenöre, Schauspieler, über Berlusconi..... Die Kollegin hat seine Arbeit mitübernommen, er hat jetzt einfach keine Zeit zum Arbeiten. Laut schallend lacht er durch den Speisesaal, so laut, dass alle Gäste ihre Köpfe nach den beiden drehen. Und wieder, auch das Gebiss, ohne persönliche Gehässigkeit dahinter, mehr mit Bewunderung – ein zweiter Celentano, wie gesagt.

Dieses ungehemmte Lachen, es geht um das pure Leben schlechthin. Es erzeugt in mir so einen Duft nach frisch gebackenem Brot, oder wie der Blick, der einer Seifenblase folgt, oder wie ein spielendes Kind, das im Spiel die Welt in sich vereint hat. Mille grazie Luciano!



Ein lauer Sommerabend im Garten “la mortella”, ein musikalischer Abend, ein Klavierkonzert für vier Hände, gespielt von zwei Studenten aus Neapel – Maurice Ravel und William Walton. Eine Frau betritt, was sag ich betritt, sie erscheint auf der Bühne.

Susana Walton, Gattin des verstorbenen Komponisten William Walton aus Großbritannien. Er Förderer von jungen Musikern, sie leidenschaftliche Gärtnerin. William, vernarrt in die Insel Ischia, beschließt seinen Lebensabend hier mit seiner Frau zu verbringen. Der Garten ist ein Kunstwerk, betörend duftende Blumen, exotische Bäume und Sträucher, Wasserspiele und wunderbare Plätze zum Verweilen.

Zurück in den Konzertsaal.

Susana eröffnet das Konzert heute Abend. Aufrecht steht sie da, mit schlohweißem Haar, kurz und frech geschnitten, an den äußeren Spitzen dunkelviolett getönt. Das Samtkleid purpur Rot, knöchellang, darunter hochhackige Pumps in Schwarz. Ein Samttäschchen wippt bei jeder ihrer Bewegungen mit. Susana ist über 90!

Ihr Gesicht strahlt, lässt ein erfülltes, aufregendes Leben erkennen. Wahrlich eine große Dame, diese Susana Walton. Die Eröffnung in englischer Sprache, danach in perfektem Italienisch. Das Lächeln dieser Frau hat etwas Zauberhaftes. Es nimmt einem schier die Angst vor dem Altwerden, vor der Gebrechlichkeit. Jetzt noch für die deutschen Gäste im Publikum, alles auf Deutsch. „Maria“, ruft sie, „Maria“, mitten in den Saal hinein. Maria ist eine Angestellte des Hauses und spricht Deutsch.

Das Konzert ist zum Weinen schön. Tief berührt von der Musik, verlasse ich den Saal. Nur das größere Erlebnis heute Abend ist Susana Walton und William, zwar nicht anwesend, aber in den liebevollen Gesten seiner Frau, im Klang ihrer Stimme, im offenen Blick präsent. All das begleitet mich mit einem wunderbaren Gefühl nach draußen, in meine Welt. Jeder Mensch sollte in seinem Leben etwas schaffen, das über ihn selbst hinausreicht, etwas das Ausdruck seiner Leidenschaft, seines Lebensglücks, seiner Träume ist. Etwas das sichtbare Spuren hinterlässt, wie der Garten von Susana und William Walton. (Ingrid Serschen)

  • Artikelbild
    foto: ingrid serschen
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