ÖBB: Fahrgäste werden offiziell per Video überwacht

25. Juli 2007, 00:02
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Vandalen und Gewalttätern will man mittels gespeicherten Bildmaterials auf die Schliche kommen

Die Bahn erhofft sich dadurch weniger Vandalismus und Kriminalität. Datenschützer glauben nicht daran - Bettina Fernsebner-Kokert und Michael Möseneder

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Wien - Wer auf der Wiener Schnellbahn Linie S 45 in einen videoüberwachten Zug steigen möchte, braucht etwas Geduld. Erst bei der dritten vorbeikommenden Garnitur ist schon von außen mittels aufgeklebten Piktogramms erkennbar, dass der Lokführer seine Augen nicht nur auf der Strecke, sondern auch auf den Fahrgästen hat. Bis zum Herbst sind auf 130 Zügen in Österreich diese Pickerl zu finden. Denn die Bundesbahnen haben am Mittwoch offiziell die Videoüberwachung in Zügen gestartet.

"Talent"-Nahverkehrszüge

Vorerst sind es nur die modernen "Talent"-Nahverkehrszüge, in denen man Vandalen und Gewalttätern mittels gespeicherten Bildmaterial auf die Schliche kommen will. "Der Vorteil bei diesen Modellen ist, dass die Kameras schon von Beginn an eingebaut worden sind und nur noch eine Festplatte im Führerstand nötig ist, um die Daten auch speichern zu können", erklärt Katharina Gürtler, Pressesprecherin bei der ÖBB-Personenverkehrs AG.

Privatsphäre bei der Zugfahrt

Angst vor einem Verlust der Privatsphäre bei der Zugfahrt versucht Gürtler zu zerstreuen: "Die Daten werden maximal 48 Stunden lang gespeichert, es ist auch genau festgelegt, dass nur Mitarbeiter unserer internen Sicherheitsabteilung auf die Festplatten zugreifen dürfen", stellt sie klar. Nur im Falle eines Vergehens würden die Bilder dann an die Polizei weiter gegeben.

S45 ist die Teststrecke>P> Die S45 ist die Teststrecke für den Betrieb. Bei den Kunden stößt das unter einer getönten Halbkugel aus Kunststoff verborgene elektronische Auge durchaus auf Zustimmung. "Das ist eine gute Sache. Sonst hilft einem auch keiner, wenn man angestänkert wird. So ist vielleicht jemand gleich zur Stelle" meint Frau Silvia. Auch für Daniel, einem Teenager, der die Strecke fast täglich benutzt, ist die Überwachung "schon gut." Schließlich habe er schon "ein oder zwei Mal erlebt", dass es zu Vandalismus oder Handgreiflichkeiten gekommen ist.

356.000 Euro Schaden

Für Gürtler sind die wirtschaftlichen Schäden auch eines der wesentlichen Argumente: Rund 356.000 Euro hätten mutwillige Zerstörungen und Graffiti bei Reisezugwaggons im Vorjahr gekostet. Das zweite Hauptargument: die Fußballeuropameisterschaft 2008, bei der die Kameras auch Kleinkriminelle abschrecken sollen.

Worauf ja auch die Wiener Linien hoffen, die seit Herbst 2005 einen ähnlichen Versuch in 16 Untergrund- und zwei Straßenbahnen laufen haben - allerdings vorerst noch immer nur zur Probe.

Psychologische Beruhigungspille

Hans Zeger von der Arge-Daten lässt diese Argumente nicht gelten. Die Überwachung sei "nichts als eine psychologische Beruhigungspille". Die Bahnfahrer hätten eine Anspruch auf Sicherheit, aber nicht auf ein Sicherheitsgefühl, sagt der Datenschützer. Sein Vorschlag: eine Notruftaste bei jedem Sitzplatz. Viele Delikte seien außerdem trotz Videoaufzeichnung nicht zu verhindern oder aufzuklären. Zeger: "Einen Taschendieb im Gedränge zur Hauptverkehrszeit wird man so nicht fassen können." Auch Vandalismus werde man so nicht verhindern können.

Vorerst bleiben die insgesamt 1000 Augen der ÖBB auf die Nahverkehrsverbindungen in den Ballungsräume gerichtet, schränkt Gürtler ein. Ob die Fernzüge nachgerüstet werden, was erheblich Kosten verursachen dürfte, werde sich erst in ein bis eineinhalb Jahren entscheiden, wenn die "Talent"-Überwachung evaluiert wird. "Wir schauen uns dann an, ob die Vorfälle tatsächlich zurück gegangen sind und wie unsere Kunden auf die Maßnahme reagieren." (APA)

  • Im Führerstand müssen die Lokführer ihren Blick künftig auch auf den Videoschirm richten
    foto: standard/öbb

    Im Führerstand müssen die Lokführer ihren Blick künftig auch auf den Videoschirm richten

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