Louis Begleys Überleben mittels "Lügen in Zeiten des Krieges"

19. Juli 2007, 17:00
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Das Romandebüt ist nicht nur ein spektakulärer Tatsachenbericht, sondern auch ein Diskurs über die Lüge

"Wartime Lies" heißt Begleys Roman im Original, und das ist kürzer und prägnanter als der deutsche Titel, der uns an "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" und alles Mögliche denken lässt. Man hat den Debütroman des damals achtundfünfzigjährigen New Yorker Rechtsanwalts Louis Begley mit Recht als ein herausragendes Dokument vom Leben und Überleben in den Zeiten des Holocaust bezeichnet, und man hat das Buch in eine Reihe mit den Zeugnissen von Primo Levi, Wilhelm Dichter oder Ruth Klüger gestellt. Das ist legitim; man liest Begleys Roman bestimmt nicht falsch, wenn man ihn als dokumentarischen Bericht begreift, dessen Einzelheiten freilich oft so romanhaft anmuten, dass man denkt, man hätte ihn besser auch nicht erfinden können. Wie der junge Maciek an der Hand seiner Tante Tanja, zeitweilig unterstützt von seinem Großvater und von Tanjas deutschem Liebhaber Reinhard, allen Häschern und Verrätern entkommt und wie die Beiden kraft der Kunst der Lüge gerade noch der Deportation entgehen, das ist so dramatisch und so unglaublich, dass Begley den Verdacht geradezu heraufbeschwört, die Geschichte vom Lügenkünstler Maciek könnte am Ende selbst gelogen sein.

Begleys Roman ist nicht nur ein spektakulärer Tatsachenbericht, sondern auch ein Diskurs über die Lüge. Lügen kann man bekanntlich nur mit dem Mund, der übrige Körper, so die Weisheit von Bioenergetikern und anderen Therapeuten, kann es nicht. Wer erfolgreich seine alte Identität gegen eine neue tauschen will, muß gut lügen können. Er muß Sprachen lernen, sich zur Not ein zweites Mal taufen lassen und fortan den Katholiken spielen, er muß vor allem aber darauf achten, dass die einzelne Lüge in einem kohärenten und nachvolziehbaren Lügengebäude aufgehoben ist. Jeder Lügner kennt das Problem: man lügt, man sei im Kino gewesen und soll nun den Film nacherzählen, den man angeblich gesehen hat.

Für einen jüdischen Jungen, der von Polen und Deutschen gleichermaßen gejagt wird, stellt sich die Aufgabe, die angenommene Biographie so lückenlos und glaubwürdig wie möglich auszukleiden - und Tante Tanja ist eine große Lehrerin in dieser Kunst. Lügen tut man mit dem Mund, aber was hilft das, wenn Maciek gezwungen wird, die Hose herunterzulassen und seinen Penis vorzuzeigen? Selbst im Verstecken ihrer Beschneidung hätten es, lesen wir, jüdische Männer zu einiger Kunstfertigkeit gebracht, aber bei einem Halbwüchsigen wie Maciek funktioniert das aus nahe liegenden Gründen noch nicht. Die Stunde der Wahrheit, in dem sein Geschlecht seine tatsächliche Identität enthüllt, bleibt ihm erspart. Mit Glück, Geschick und einer mit allen Wassern der Verstellungskunst gewaschenen Tante überlebt Maciek den Krieg. Ob er, wie andere Überlebende, die survivor's guilt empfindet, die Schuld der ungerecht Davongekommenen, wissen wir nicht. Man könnte sich vorstellen, dass Maciek zeitlebens Mühe gehabt hätte, sich zu trauen. Wer einmal lügt, und sei es zum Zweck des Überlebens, der glaubt sich nie mehr?

Ist nicht für einen solchen Meister der Verstellung das Alltagsleben in Friedenszeiten ein bisschen unterkomplex? Selten haben jedenfalls Lügen längere Beine gehabt als in diesem Roman, der mit vollem Recht ein Schelmenroman genannt werden kann - und selten nennt man den Protagonisten einer Romanhandlung so gern einen "Helden" wie ihn, den jungen Maciek. (Christoph Bartmann / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2007)

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