Der, der Österreich zum EM-Titel führte

18. Juli 2007, 19:17
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Hugo Meisl schuf das Wunderteam

Wien - Müsste man Hugo Meisl mit einem Wort beschreiben, man käme wohl nicht um das abgeschmackte "ein Phänomen" herum. Denn der böhmische Jude, der 1881 in Kutná Hora, Kuttenberg also, geboren wurde, prägte nicht nur den österreichischen Fußball bis hin zum Wunderteam, sondern den Fußball insgesamt. Er war, so wird man es sagen müssen, die überragende Gestalt unter den europäischen Ballesterern der Zwischenkriegszeit.

Sein ganzes Leben hatte der umtriebige Bankbeamte dem Fußball gewidmet, was ihm keineswegs mit privatem Glück vergolten wurde.

Meisl, der 1893 nach Wien übersiedelte, war einer der ersten Kicker im Prater. Kein herausragender, wie etwa Max Leuthe, sein Mannschaftkollege von den Cricketern. Dafür entpuppte er sich rasch als einer, der auch dem heutigen österreichischen Fußball gut tun würde: als Macher.

Schon 1904 machte er sich im Verband als Schriftführer nützlich und als solcher bald unentbehrlich, denn Meisl war polyglott. Und dazu kontaktfreudig genug, sein Talent zum Knüpfen von Netzwerken zu nutzen, die fest genug hielten, um selbst den Krieg zu überdauern.

Kaum schwiegen im Herbst 1918 die Waffen, drehte Hugo Meisl sich schon wieder um den Ball. Der von ihm eingefädelte Transfer der MTK-Stars Kalman und Jenö Konrad zu den Amateuren, der nachmaligen Austria, initiierte die "ungarische Revolution". Aus dem flachen Kombinationsspiel der hoch gerühmten MTK-Schule wurde das Scheiberlspiel der Wiener Schule.

Schon 1922 umriss Meisl seine Vision vom gelungenen Fußball: internationale Bewerbe. Zwar wolle er "keineswegs über die Meisterschaftsinstitutionen den Stab brechen", aber das Salz in der Suppe seien sie nicht. Fußball, und das war so eine Art Meisl'sches Credo, hat international zu sein. Oder gar nicht zu sein.

Die Einführung des Mitropacups und der Europameisterschaft im Jahr 1927 war also nichts weniger als die Erfüllung von Hugo Meisls Traum, nein: Tatkraft. Denn wenn Meisl etwas nicht war, dann ein Träumer.

Dennoch reichte die Träumerkapazität, um aus österreichischen Kickern das Wunderteam zu formen. Matthias Sindelar und seine Kollegen wurden dann sogar Europameister. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 19. Juli 2007, wei)

Buchtipp:

Andreas und Wolfgang Hafer: Hugo Meisl oder die Erfindung des Modernen Fußballs; Die Werkstatt 2007

Robert Franta, Wolfgang Weisgram: Ein rundes Leben. Hugo Meisl, der Goldgräber des Fußballs; egoth 2005.

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