Wie Britannien zur Insel wurde

27. Juli 2007, 18:16
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Die "splendid isolation" der Briten ist eine geologisch relativ junge Errungenschaft - nun weiß man, wie sie zustande kam

Eine eiszeitbedingte Flutkatastrophe zerstörte die frühere Verbindung zwischen Südostengland und dem Kontinent und schuf den Ärmelkanal.

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London - Sie ist nur 33 Kilometer breit, aber ihre historische Bedeutung ist enorm: die Straße von Dover. Seit Menschengedenken schützt die Meerenge England wie ein Schlossgraben.

Nur wenigen Invasoren gelang eine militärisch erfolgreiche Überquerung. Die meisten Angreifer - unter ihnen Napoleon und zuletzt Hitler - scheiterten. "Splendid isolation" nennen patriotische Briten ihre Insellage. Doch war das immer schon so?

Uralte Landbrücke

Nein. Die ersten menschlichen Siedler konnten Britannien vor etwa 700.000 Jahren noch trockenen Fußes erreichen. Sie kamen über die so genannte Weald-Artois-Antikline, eine schätzungsweise 25 km breite Landbrücke, welche damals das europäische Festland mit der heutigen Grafschaft Kent verband. Diese bestand aus Kalkstein, wie heute noch die berühmten weißen Klippen von Dover.

Für das Verschwinden dieser Antikline gab es bisher mehrere mögliche Erklärungen: Langsame Erosion durch Wasser aus den bereits existierenden Flüssen Rhein und Themse, ein katastrophenartiger "Dammbruch", verursacht von Wassermassen aus dem Nordseebecken, oder die Zerstörung durch vom Norden vorrückende Gletscher während einer Eiszeit.

Die Theorien wurden auch mit einem geheimnisvollen Rinnensystem im nach Westen verlaufenden Ärmelkanal in Verbindung gebracht. Manche Forscher sahen hierin ein verzweigtes urzeitliches Flussbett, andere hielten es für das Werk der Gezeiten.

Sanjeev Gupta vom Imperial College in London wollte es genauer wissen. Zusammen mit drei Kollegen nahm der Meeresgeologe den Boden des Ärmelkanals südlich der Insel Wight minutiös unter die Lupe. Dort verläuft eine der Hauptrinnen des oben erwähnten Netzwerks. Jede Rille, jede Unebenheit wurde genau analysiert. Eine Echolot-Kartierung des Untersuchungsgebiets lieferte die erforderlichen Daten. Und siehe da, man wurde fündig.

Die Details zeigen eindeutig: Das Rinnensystem trägt die geologische Handschrift einer Flutkatastrophe. Die Ergebnisse publizierten die Experten in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature. Ihrer Meinung nach hat ein natürlicher Stausee das Ereignis ausgelöst. Am Ende einer Glazialzeit zog sich der nordwesteuropäische Eispanzer nur langsam zurück.

Massen an Wasser

Wasser aus den Flüssen und von den schmelzenden Gletschern staute sich im südlichen Teil der heutigen Nordsee bedrohlich an. Nach Norden hin war der Weg noch immer durch zurückweichendes Eis versperrt. Die Weald-Artois-Antikline war schwächer und brach. "Wann genau, ist die große Frage", erklärt Sanjeev Gupta gegenüber dem Standard. "Wahrscheinlich fand es zwischen 450.000 und 200.000 Jahre vor unserer Zeit statt."

Die Wassermassen müssen gewaltig gewesen sein. Alleine schon in der untersuchten Rinne rasten bis zu einer Million Kubikmeter pro Sekunde in Richtung Atlantik, berechneten die Wissenschaftler. Interessanterweise fand die Flut in zwei Phasen statt. Warum, ist unbekannt. Urmenschen kamen wahrscheinlich nicht zu Schaden. Der Meerespegel stand infolge der Vereisung zwar deutlich tiefer, und das Gebiet des Ärmelkanals war somit trocken und bewohnbar, doch unsere Vorfahren hatten sich während der Kältezeit wohl schon nach Süden abgesetzt. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 7. 2007)

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    Anfang 2007 klatschten riesige Brecher an das Ufer der südenglischen Stadt Dover. Ein "Lercherl" im Vergleich zur riesigen Flutkatastrophe, mit der vor Urzeiten Britannien vom Festland abgetrennt wurde.

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