Pizza, Brathendl, Irakdebatte

21. Juli 2007, 18:06
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Der US-Senat stritt in einer langen Nacht über den Irakkrieg: Viel Symbolik und öffentliche Aufmerksamkeit

Carl Levin spricht zu verwaisten Sitzreihen. Drei Senatoren hören ihm zu, 96 der mahagonifarbenen Sessel im Halbrund des Hohen Hauses sind leer. 19.40 Uhr, beste Debattenzeit. Doch die Nacht ist noch lang, die Parlamentarier ruhen sich aus. Es heißt, Kräfte zu sparen.

Also führt Levin, grau meliert, rote Krawatte, ein fast privates Zwiegespräch mit John Warner, grau meliert, blauer Schlips. Beides sind Schwergewichte, beide sitzen seit 1978 in der illustren Kammer, Levin für Michigan, Warner für Virginia. Wie Levin hat sich auch Warner auf ein Holzpult gestützt. Klein sind die beiden Pulte, leicht und handlich, was den Vorteil hat, dass die Saaldiener sie jedem, der sprechen will, sofort auf den Tisch stellen können. „In einem sind wir uns einig“, sagt Levin. „Erstens, im Irak herrscht Chaos. Zweitens, eine militärische Lösung kann es nicht geben. Die Frage ist, wie bekommen wir eine politische Lösung hin?“ Der Demokrat hat die Antwort schwarz auf weiß formuliert. Die Resolution, die er einbringt, ruft dazu auf, die US-Truppen bis April 2008 abzuziehen: Mögen die Iraker ihre Konflikte unter sich regeln.

Ein "all-nighter"

Ein "all-nighter", ein Spektakel, das mit der Abenddämmerung beginnt und erst nach Sonnenaufgang endet, soll unterstreichen, dass es Kriegskritiker wie Levin bitterernst meinen. Zudem ist es die Retourkutsche für den Filibuster, den die Republikaner angedroht haben. Für den stundenlangen Monolog über Shakespeare, Kochrezepte oder Telefonbücher, der eine Abstimmung blockiert und nur abgebrochen werden kann, wenn 60 der 100 Volksvertreter es wollen. Endloses Sitzen als Rache für endloses Reden. Die letzte Nachtsitzung liegt vier Jahre zurück; damals hatten sich die Geister an der Auswahl von Bundesrichtern geschieden. „Warum können wir nicht noch ein paar Wochen warten?“, entgegnet Warner seinem Kollegen. „Im September haben wir den General Petraeus (den Kommandeur im Irak, Anm.) bei uns. Dann können wir viel besser entscheiden.“ „Warum warten?“, fragt Levin zurück. „Unsere Männer und Frauen in Uniform sterben jetzt.“ Damit sind die Konturen der Debatte skizziert. Demokraten, angetrieben von der Zweidrittelmehrheit kriegsmüder Amerikaner, haben es eilig. Republikaner, auch solche, die George W. Bushs Halsstarrigkeit kritisieren, warten auf David Petraeus. Kaum hat Levin den Saal verlassen, nimmt Harry Reid, der Mehrheitsführer des Senats, dessen Platz in der ersten Reihe ein. Man wechselt sich ab, um die Nacht zu überstehen, Hauptsache, von jeder Fraktion zeigt mindestens einer Flagge. Ein Spielverderber stellt einen Antrag, der das auf Schonung bedachte Procedere empfindlich zu stören droht. Der Sergeant at Arms, der oberste Ordnungshüter, möge instruiert werden, jederzeit „die Anwesenheit der abwesenden Senatoren“ zu erbitten. Der Vorschlag fällt durch.

"All-nighter", das klingt nach Nervenprobe, nach roten Rändern um die Augen. Ein paar Vorkehrungen unterstreichen das Dramatische daran. Die Demokraten ordern Pizza, die Republikaner Brathendl. Zehn Klappbetten werden über die Flure in den Lyndon B.-Johnson-Room gerollt. Am nächsten Morgen sieht es so aus, als ob nur eines benutzt worden wäre. Die meisten Senatoren nächtigen in ihren Büros, um dann, wenn sie an der Reihe sind, kurz in der Kammer zu erscheinen. Hillary Clinton steht morgens um vier am Pult. Ein Auftritt als Botschaft, sie will präsidententaugliche Härte zeigen.

Carol McVey dagegen, die schlägt sich wirklich die ganze Nacht um die Ohren. Im Park vor dem Kapitol hält die Englischlehrerin Kerzenwache. Manchmal stellt sie sich mit zwei T-Shirts auf den Rasen, beide mit dem Schriftzug „Iraq“ versehen, beide in Zellophan gehüllt, beide mit Kleiderbügeln versehen, so als kämen sie aus der Reinigung. „They took us to the cleaners“, erklärt sie das Symbol. “Die ziehen uns bis aufs letzte Hemd aus”. Die Irak-Milliarden hätte man besser in Kliniken und Schulen gesteckt. Und McVey erzählt die Geschichte ihrer Wandlung.

Schockierendes Bild

Anfangs, da war sie für den Krieg, für den Sturz Saddam Husseins. Es liegt an einem Foto, dass sie jetzt auf der anderen Seite steht. Auf dem Bild trägt ein Vater seinen Sohn, der als Invalide zurückkehrt aus dem Irak. Ohne Beine, mit nur einem Arm. Die Aufnahme hat Carol McVey zutiefst schockiert. Ein hilfloser Bursche in den Armen seines Vaters – „sagt das nicht alles?“ Die Lehrerin meint ernst, was Harry Reid, abends vor den Demonstranten im Park, eher rhetorisch beschwört. „Eine schlaflose Nacht ist kein großes Opfer für den Senat. Unsere Soldaten in Bagdad haben laufend schlaflose Nächte." (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Print, 19.7.2007)

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    Über dem Capitol liegt tiefe Nacht. Drinnen reden Senatoren, draußen demonstrieren die Bürger für einen schnellen Abzug aus dem Zweistromland.

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