Historiker fordert kommentierte Neu-Edition von "Mein Kampf"

27. Juli 2007, 17:59
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Hintergrund: 2015 laufen die Autorenrechte aus - Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte hofft auf "große Desillusionierung"

München - Adolf Hitlers "Mein Kampf" sollte nach Meinung eines Historikers in einer mit Kommentaren aufgearbeiteten Ausgabe auch in Deutschland möglichst bald frei zugänglich sein. Ende 2015 liefen die Autorenrechte für das bisher in der Bundesrepublik nur unter Auflagen erhältliche Buch aus, so dass es dann ohnehin von jedem Verlag nachgedruckt werden könne, sagte der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Horst Möller, der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Es wird genug Verlage geben, die das Buch dann mit entsprechender Sensationsmache verkaufen wollen", erläutert Möller.

Mit einer rechtzeitigen wissenschaftlichen Aufarbeitung könne verhindert werden, dass Hitlers Schriften ausschließlich kommerziell genutzt würden. Die Arbeit an einer solchen Ausgabe, die sämtliche Aussagen Hitlers detailliert beleuchten müsse, nehme jedoch viel Zeit in Anspruch und müsse deshalb ausreichend im Voraus geplant werden.

Die gegenwärtige Lage

Die Rechte für "Mein Kampf" liegen beim Freistaat Bayern. Im Finanzministerium ist man seit langem gegen eine Veröffentlichung. "Bei der Verwaltung der Rechte nimmt der Freistaat Bayern bereits seit Jahrzehnten eine restriktive Haltung ein", erklärte eine Sprecherin auf Anfrage. Weder im In- noch im Ausland würden Abdruckgenehmigungen erteilt - dennoch erscheinen im Ausland immer wieder Nachdrucke.

Durch die strenge Vorgangsweise solle einer weiteren Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts vorgebeugt werden, zudem müssten die Opfer des Holocaust geschützt werden. "Historisch Interessierten, die sich kritisch mit dem Werk "Mein Kampf" auseinander setzen möchten, ist dies im Rahmen der bisher erschienenen kommentierenden Literatur schon heute möglich", heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums. Eine - vollständige - wissenschaftliche Edition ist allerdings bis heute nicht herausgegeben worden.

"Merkwürdiger Mythos"

Auch das deutsche Auswärtige Amt in Berlin rät laut Möller davon ab, das Buch in der Bundesrepublik frei zugänglich zu machen, da es eine negative Wirkung auf das Deutschland-Bild im Ausland befürchtet. "Das sind natürlich löbliche Absichten", sagte Möller. Das Institut für Zeitgeschichte sei jedoch für eine aufwändige historisch-kritische Ausgabe, in der etwa die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Buches dargestellt werde. Möller: "Eine wissenschaftliche Edition könnte den merkwürdigen Mythos um 'Mein Kampf' brechen. Sie könnte eine große Desillusionierung mit sich bringen." (APA/dpa)

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