Kopf des Tages: Klimagerät

18. Juli 2007, 21:52
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Was Kühlung schafft, wird zum Klimakiller: Die Klimaanlage lebt in direkter Symbiose mit dem Klimawandel

Während andere Arten klimabedingt elendiglich die Patschen strecken, explodiert die Population dieser Spezies geradezu. Denn sie lebt in direkter Symbiose mit dem Klimawandel: Wird es heißer, vermehren sich die Klimageräte sprunghaft - und sorgen gleichzeitig mit ihrem Stromverbrauch dafür, dass der CO2-Ausstoß stetig anwächst. Nomen est omen: Die Klimageräte sind regelrechte Klimakiller. Schließlich wird ihre Energie immer noch weit gehend mithilfe technischer Lösungen des verwichenen Jahrtausends erzeugt - die fossile Rohstoffe nur so verblasen.

Die heutige Generation der Klimageräte findet einen Lebensraum vor, der sie prächtig gedeihen lässt. Oder besser gesagt: der sie zu einer Energie fressenden Mutation verkommen ließ. Denn die Vorfahren der heute vor sich hin surrenden Familie der Temperaturregler waren noch viel einfacher und im Grunde viel eleganter in Erscheinung getreten. In historischen Gebäuden kann man sie noch bewundern. Damals hießen die Klimaanlagen zunächst einmal "Baumasse". Schöne dicke Mauern, die auch als Wärme- beziehungsweise Kältespeicher dienten.

Kühlung durch Architektur

Mit der Alhambra, die über dem spanischen Granada thront, zeigte bereits die maurische Hochkultur der Nachwelt, wie man auch in sengender Hitze ohne viel Energieeinsatz angenehme Raumtemperaturen bekommt: Zur "Baumasse" kamen dort noch ein ausgeklügeltes System von Schattenspendern und immer wieder kühlende Brunnen und künstliche Wasserläufe.

Andere Systeme - wie etwa die historische Lüftungsanlage der Wiener Staatsoper - nützten bereits die Kühle unterirdischer Gemäuer, durch die die Frischluft angesaugt wurde. Diese Technik wurde gerade wieder unter dem innovativen Titel "Quelllüftung" neu "erfunden".

Im Vergleich dazu ist so ein herkömmliches Klimagerät aus dem Baumarkt wahrlich eine recht plumpe Schöpfung. Aber die könnte mit relativ einfachen Verhaltensregeln noch recht schnell ausgerottet werden - auch ohne perfekt gedämmtes Passivhaus: Am kühlen Morgen kurz lüften und dann tagsüber die Fenster zu und die Rollos herunter.

Wäre da nicht die jüngste Zucht der Energievernichter, die sich als "moderne Hochhaus-Architektur" vermehrt: Schlecht isolierte Glaspaläste. Außen von der Sonne und drinnen von den Computern aufgeheizt - im Vergleich dazu hat eine Wellblechhütte sozusagen die Energieklasse A.

Wem die "alten" Lösungen zu fad sind, für den gibt es übrigens auch etwas wirklich Neues: solare Kühlung. Diese neue Spezies wird sogar in Österreich gezüchtet: Schließlich ist es das steirische Unternehmen S.O.L.I.D., das das olympische Dorf in Peking mit Klimaanlagen ausstattet, die mit der Kraft der Sonne betrieben werden. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 18.7.2007)

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