Schwitzen bis zum Rekord

20. Juli 2007, 11:04
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An Straßen, Schienen und Stromleitungen gab es erste Hitzeschäden - Der Patienten-Ansturm blieb bis jetzt aus

Graz/Wien - Zwischen Berlin und Palermo stöhnt alles unter der derzeit herrschenden hohen Temperaturen. In Österreich war man aber auch am Dienstag vom Hitzerekord (39,7 im Jahr 1983) noch weit entfernt. Unter den Landeshauptstädten lagen Wien und Graz an der Spitze, dahinter folgte Eisenstadt. "Kältepol" war Bregenz mit 25,4 Grad. Die Ozonwerte stiegen zwar an, blieben aber unbedenklich.

Bei den Menschen scheint die Hitzewelle offenbar kaum Spuren zu hinterlassen.Lediglich in Wien und Niederösterreich mussten die Rettungsdienst mehr Menschen versorgen als sonst. 200 zusätzliche Einsätze (plus 20 Prozent) wurden in der Bundeshauptstadt verzeichnet. Betroffen waren vor allem ältere Menschen mit Flüssigkeitsmangel oder Herzschwäche. Insgesamt kam es dadurch zu 40 stationären Aufnahmen in den Spitälern. Die höhere Zahl an Sportunfällen in der Steiermark sei laut Rotem Kreuz hingegen nicht Produkt der Hitze, sondern vermehrter sportlicher Betätigung.

Wasser in Übermaßen

Ihre körperliche Hitzeresistenz verdanken die Österreicher vielleicht ihrem übermäßigen Wasserverbrauch: Allein Montag flossen 493 Millionen Liter durch die Wiener Wasserwerke - um 27 Prozent mehr als die gewohnten 388.000 Kubikmeter pro Tag. Dass der Wasserrekord von Juni 2003 (532.000 Kubikmeter) diese Woche gebrochen wird, bezweifelt aber Wasserwerke-Chef Hans Seiler.

Persönliche Wassertrink-Rekorde wurden hingegen schon erreicht: Peter Fritsche, ein Bauarbeiter aus Deutschland, in Graz tätig, hatte schon zur Mittagsszeit 3,5 Liter getrunken. Die Frage, ob es in der Affenhitze auszuhalten sei, stellte sich für ihn nicht. "Wir müssen arbeiten", sagt er. Sein Kollege Gerd Schneider - seit 40 Jahren auf dem Bau - braucht keine Anweisungen, wie er sich bei Hitze verhalten soll. Hitzefrei hat er das letzte Mal "in der Schule bekommen", sagte er und lachte. Sonnencreme braucht der braungebrannte Arbeiter nicht, "das macht alles der Körper", weiß er. "Wenn man einmal mit dem Eincremen beginnt, dann muss man immer." "Viel trinken" ist auch sein Rezept gegen die Hitze, er trinkt während der Arbeit bis zu fünf Liter Mineralwasser und zwischendurch Kaffee.

Hitzeschäden

Offenbar halten sich die Österreicher an dieses Rezept. Die befürchtete hohe Zahl an Dehydrierungen und Kollapsen blieb aus, hingegen kam es öfters zu Hitzeschäden an Straßen und Schienen: Auf der Tauernautobahn, Höhe Gröding, stellten sich zwei Betonplatten gegeneinander und hoben sich um ganze fünf Zentimeter. Auf der Mariazellerbahn gab es Gleisverwerfungen, die Strecke musste vorübergehend gesperrt werden.

Auch Stromleitungen machen bei den hohen Temperaturen schlapp: In Satteins (Bezirk Feldkirch) wurde es einer Starkstromleitung zu heiß. Die Leiterseile der 380-kV-Leitung dehnten sich durch die Hitze stark aus. Die Durchhänger berührten einen Baum, schon krachte und blitzte es, und der Baum geriet in Brand. Die Stromversorgung wurde automatisch unterbrochen. Gefahr für Menschen bestand nicht. In Sachen Stromversorgung bestehe derzeit kein Versorgungsrisiko, versichert der Vorstandsdirektor der Verbund-Austrian Power Grid AG (APG), Heinz Kaupa. Und das, obwohl der Strombedarf in den Sommermonaten der vergangenen Jahre durch den Einsatz von Klimaanlagen und energieintensiven Kühlgeräten deutlich ansteigt.

Die Wiener Grünen nutzten am Dienstag die Gunst der heißen Stunden und forderten mehr Bäume für die Stadt. Diese würden die Sommerhitze erträglicher machen: Sie spenden nicht nur Schatten, sondern sorgen auch durch die Wasserverdunstung über die Blätter für niedrigere Temperaturen, sagte Umweltsprecher Rüdiger Maresch. Er verlangte außerdem, dass die Förderung für Hof- und Dachbegrünungen auf eine Million Euro verzehnfacht werde. (fern, jub, mil, mg, pm, DER STANDARD Printausgabe, 18.7.2007)

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    Nur im Sprung alleine, sonst unter Massen in den Schwimmbädern: per Köpfler zur Abkühlung

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