Britisch-russische Feindseligkeiten

19. Juli 2007, 14:46
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Russland droht mit "ernsthaftesten Konsequenzen", wenn Großbritannien wirklich vier Moskauer Diplomaten ausweist

Die gegenseitige Ausweisung von Diplomaten und mutmaßlichen Spionen aus Russland und Großbritannien hat Tradition. 1985 mussten gleich jeweils 25 Diplomaten und Journalisten das jeweils andere Land verlassen. 1996 mussten 13 Diplomaten wegen eines Spionageskandals in ihre jeweilige Heimat zurück.

Dass Großbritannien nun – wie am Montag verfügt – vier russische Diplomaten ausweisen will, weil sich Moskau weigert, den Hauptverdächtigen im Mordfall Alexander Litwinenko, Andrej Lugowoj, auszuliefern, stellt somit einen neuen Tiefpunkt in diesem Jahrzehnt in den bilateralen Beziehungen dar. Das russische Außenministerium hat „schwer wiegende Konsequenzen“ angekündigt und setzte Dienstagabend vorläufig die Sicherheitskooperation mit Großbritannien aus. Ansonsten waren beide Seiten bemüht, eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden. Russland will nicht im Gegenzug britische Diplomaten ausweisen, sagte der russische Vize-Außenminister Alexander Gruschko.

"Diplomatischer Krieg"

„Großbritannien und Russland sind in einen diplomatischen Krieg ungeahnten Ausmaßes geschlittert“, meint die russische Zeitung Kommersant. Das Kabinett Gordon Browns habe gezeigt, dass man zur direkten Feindschaft mit Moskau bereit sei, schreibt das Blatt Wremja Nowostej. Der britische Guardian betont, dass alle vier Diplomaten Mitarbeiter russischer Geheimdienste seien, woraus man schließen könne, dass die Briten die russischen Geheimdienste verdächtigen, in die Ermordung Litwinenkos verwickelt zu sein.

„Es ist sehr unangenehm, dass die Verschlechterung der Beziehungen nach dem Machtantritt der neuen britischen Regierung kam, die ja eigentlich einen neuen Vektor für die Entwicklung des Verhältnisses hätte angeben sollen“, meint Dmitri Danilow vom Moskauer Europa-Institut. Danilow findet es seltsam, dass London Moskaus Antrag auf Auslieferung der Polit-Asylanten Achmed Sakajew, Boris Beresowski und anderer immer mit Verweis auf die Rechtsnormen abgelehnt habe. Moskau argumentiere nun genauso.

Folgen

Dass der Westen gegenüber Russland mit zweierlei Maß zu messen scheint, davon ist man ohnehin überzeugt. Russische Kommentatoren halten mögliche wirtschaftliche Folgen für nicht ausgeschlossen. Eben erst hatte ja die britische Ölgesellschaft BP unter dem Druck des russischen Renationalisierungskurses seine Mehrheitsanteile am Kowykta-Feld, einem der größten russischen Gaslagerstätten, an den Gasmonopolisten Gasprom abtreten müssen.

Sowohl Großbritannien als auch Russland sind derzeit bemüht, wirtschaftliche Kollateralschäden der diplomatischen Verstimmungen zu vermeiden. Die Russen zählen zu den größten Immobilienkäufern in London. Die Briten sind die zweitgrößten ausländischen Investoren in Russland. (Eduard Steiner aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2007)

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    Konflikt zwischen Großbritannien und Russland: Premier Brown wird in London gelobt, Präsident Putin will "angemessen" auf die Ausweisung der Diplomaten reagieren.

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