"Death Proof": Das Trash-Kino, neu erfunden

17. Juli 2007, 18:42
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Tarantino lässt uns einmal mehr an seinen Vorlieben für abseitiges Kino teilhaben: Der US-Regisseur im STANDARD-Interview über seinen jüngsten Film "Death Proof" ...

... über Autoverfolgungsjagd-Action in den 70er-Jahren und die komische Seite des Horrorfilms.

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Wien – Mit Reservoir Dogs hat Quentin Tarantino in Cannes einst auf sich aufmerksam gemacht. Mit Pulp Fiction holte er dort zwei Jahre später die Goldene Palme – und landete in USA einen 100-Millionen-Dollar-Hit. Nach dem Kill Bill-Zweiteiler wollte der einstige Videotheken-Kassierer mit seinem Kumpel Robert Rodriguez unter dem Titel Grindhouse ein Doppelprogramm in die Kinos bringen – das Projekt geriet in den USA zum Flop. Deshalb starten beide Filme bei uns getrennt. Den Anfang macht Tarantinos Girlie-Gewaltfarce Death Proof.

STANDARD: Waren Sie enttäuscht über den Misserfolg in den US-Kinos? Immerhin wurde die Double-Feature-Version "Grindhouse" gekippt. Ihr Film und jener von Robert Rodriguez kommen nun fast überall getrennt in die Kinos.

Quentin Tarantino: Robert und ich haben eigentlich drei Filme gemacht: Death Proof, Planet Terror und eben Grindhouse. Dieses Double-Feature hatte eine ganz eigene Ästhetik, eingestreute Werbespots und Trailer inklusive: Das sollte einfach ein cooler Trip werden. Dass dieses Konzept in den USA nicht aufgegangen ist, war sehr enttäuschend. Allerdings war es eine interessante Erfahrung, dieses Material umzuschneiden: nicht herunter bis auf die Knochen, sondern um den Knochen herum.

STANDARD: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee zu einer Car-Chaser-Hommage?

Tarantino: Ursprünglich wollte ich einen reinen Slasher-Film machen, schließlich bin ich bin ein großer Fan dieses Genres. Vor allem die Struktur dieser Filme hat mich schon immer fasziniert. Die entscheidende Frage war dann: Wie kann ich dieses Genre neu erfinden? Wie kann ich meine ganz eigene Version schaffen, ohne diese typische Struktur zu verraten? So entstand die Idee eines sexbesessenen, psychopathischen Killers, der mit seinem Auto auf Menschenjagd geht.

STANDARD: Sein Killerauto entspricht nicht ganz den aktuellen Ökostandards ...

Tarantino: Absolut: Diese Kiste wurde für Stunt-Szenen so umgebaut, dass der Fahrer alle Unfälle heil überstehen kann. Vor langer Zeit hat mir einmal jemand erzählt, dass man auch sein eigenes Auto zu solche Stunt-Versionen aufrüsten lassen kann – "death proof" heißt dieses Tuning der todsicheren Art. Dieser Ausdruck hat mich so begeistert, dass er seit zwölf Jahren als Idee in meinem Kopf herumspukt – und daraus hat sich nun diese Story entwickelt.

STANDARD: Autoverfolgungsjagden gehören zu den Kronjuwelen des Action-Genres – welche haben Ihnen persönlich am besten gefallen?

Tarantino: Dirty Mary Crazy Larry von 1974 mit Peter Fonda zum Beispiel gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Ebenso das Original von Gone in Sixty Seconds (1974) oder Der Tiger hetzt die Meute mit Burt Reynolds. Neben diesen reinen Autojagd-Filmen gibt es großartige Filme, in denen diese Verfolgungen nur nebenbei passieren, aber nicht minder eindrucksvoll inszeniert sind, wie zum Beispiel French Connection oder Mad Max. Das australische Kino der 1980er-Jahre fällt ohnehin auf durch einen wahren Auto-Fetischismus.

STANDARD: Anders als im Genre üblich zeigen Sie ausgesprochen starke Frauen – wie kommt das?

Tarantino: Schon Kill Bill hat das Pantheon weiblicher Kämpferinnen gezeigt. Allerdings sind die Mädchen hier nun nicht mehr allein auf Fantasy-Figuren reduziert. Das sind reale Frauen mit richtigen Jobs, die sich über echte Probleme unterhalten.

STANDARD: Wie kam die Ex-"Klapperschlange" Kurt Russell in Ihren Film?

Tarantino: Ich war schon immer ein großer Fan von Kurt und wollte seit langer Zeit mit ihm einen Film drehen. Ich bin mit seinen Filmen aufgewachsen – wer wäre von seinen ikonenhaften Rollen bei John Carpenter nicht begeistert? Gerade wegen dieser großen Begeisterung für ihn wollte ich ihn endlich einmal wieder als echten Fiesling auf der Leinwand sehen.

STANDARD: Haben Sie eine Liste in der Lade mit Schauspielern, die man recyceln sollte?

Tarantino: Es gibt sehr viele Schauspieler, mit denen ich wahnsinnig gerne arbeiten würde. Aber meine privaten Vorlieben sind zweitrangig – was wirklich zählt, ist allein die Figur, die es zu besetzen gilt. Ohne die passende Rolle würde ich niemals jemanden für einen Film engagieren – und Kurt Russell hat ideal gepasst!

STANDARD: Was entspricht aktuell Ihrem Horrorfilm-Geschmack?

Tarantino: Cabin Fever (2002) von Eli Roth (Anm.:Autor und Regisseur der "Hostel"-Serie) hat mich völlig umgehauen. Das war zum einen völliger Spaß, und zugleich hat er den Geist des Horror-Genres, der so lange verschüttet war, wiedergefunden und belebt. In den 80er-Jahren herrschte in diesem Genre absolute Flaute, es gab nur diese unzähligen Fortsetzungen. Die alten Regisseure reagierten verbittert und hatten somit umso weniger neue Ideen – bis plötzlich dieser junge Eli Roth auftauchte. Auf diesen Typ hatte das Genre gewartet: Er wollte nicht auf den Titel der Cineastenzeitschrift Sight and Sound, er wollte auf das Cover von Fangoria!

STANDARD: Was macht "Cabin Fever” so außergewöhnlich?

Tarantino: Ganz einfach: Der Film ist derart komisch, dass man vor lauter Lachen vergisst, dass es ein Horrorfilm ist. Erst beim zweiten Ansehen stellt man fest: ‚Hey, das ist total gruslig!‘ Und dann kam 2004 Shaun of the Dead von Edgar Wright und Simon Pegg, für mich der beste Film des Jahres, und das beste Drehbuch seit fünf Jahren – ein echtes Meisterwerk!

STANDARD: Wie üblich besticht Ihr Film durch die Musik – wie sieht Ihre persönliche Plattensammlung aus?

Tarantino: Meine Plattensammlung ist tatsächlich großartig. Ich habe mir in meinem Haus eigens ein Zimmer dafür eingerichtet, das inzwischen so aussieht wie ein alter Plattenladen.

STANDARD: Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages ein sentimentales Liebesdrama zu drehen?

Tarantino: Es gab doch etliche Leute, die am Ende von Kill Bill geheult haben als David Carradine starb!

(Dieter Oßwald, DER STANDARD/Printausgabe, 18.07.2007)

Zur Person.
Quentin Tarantino, geb. 1963, in Los Angeles aufgewachsen, Schulabbrecher, Schauspielstudent und schließlich Videothekar, gelang 1992 mit "Reservoir Dogs" ein Aufsehen erregendes Debüt. Bereits dieser Film wies seinen Regisseur und Autor als Kenner von B-Movies und anderen harten, schnellen, mitunter grotesk überzeichneten Erzählformen aus – siehe "Pulp Fiction". In weiterer Folge erwies der obsessive Filmfan bereits dem US-Blaxploitation-Kino ("Jackie Brown") und asiatischen Kampfsport-Epen ("Kill Bill") Reverenz. (red)
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    Quentin Tarantino beschenkt seine Gemeinde mit "Death Proof" – der Film startet in Österreich am Donnerstag.

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