Die Hochgebirgsökologin

17. Juli 2007, 18:55
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Geistesblitz: Julia Seeber erforscht die Bodenfauna über der Waldgrenze

Auf der Alm gibt's ka Sünd' – oder jedenfalls immer weniger Raum dafür. Aus wirtschaftlichen Gründen werden Flächen über der Waldgrenze zunehmend aufgelassen. Darauf müssen sich nicht nur Ausflügler einstellen, sondern auch die Bewohner des Waldbodens. Diese bauen totes organisches Material ab und machen darin enthaltene Nährstoffe wieder für Pflanzen zugänglich. Regenwürmer als bekannteste Vertreter der Makrofauna sind wichtige Forschungssubjekte der Ökologin Julia Seeber. Regenwürmer erledigen die Grobarbeit im Boden, Bakterien übernehmen den Rest.

Wenn Kühe und Senner ausfallen, kommen auf den Flächen Zwergsträucher auf, deren Laubstreu als eher ungenießbar gilt. In einem FWF-Projekt will die Forscherin in Freiland und Labor herausfinden, ob die Zersetzer den herben, aber sehr reich gedeckten Tisch akzeptieren. Für die 31-Jährige ist der Lebensraum Boden vielfältig und faszinierend, auch deshalb, "weil man nicht direkt hineinschauen kann". Ihre Spezialität sind molekulare und chemische Methoden, um die ökosystemischen Prozesse aufzuklären. Ihre Dissertation wurde eben mit dem Wissenschaftspreis des Akademischen Alpinen Vereins Innsbruck ausgezeichnet.

Ihr Fach war Anfang der 1990er-Jahre neu im Angebot an der Uni Innsbruck und galt als zukunftsträchtig – "was sich als nicht ganz richtig herausgestellt hat", schmunzelt die Ökologin, die ihre Wahl nie bereut hat. Sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter stieg sie wieder in die Forschung ein, was arbeitstechnisch "weniger schwierig war als emotional". Ihr Lebensgefährte ging in Karenz und die Großeltern stehen zum Glück für Kinderbetreuung außerhalb der Krabbelstube zur Verfügung.

Die Wissenschaft fordert Vollzeit. Projektabrechnungen, Zwischenberichte sowie Anträge für Drittmittel nehmen am meisten Zeit in Anspruch. Die vom Wissenschaftsfonds vorgegebene maximale Anstellungsdauer über Drittmittel hat sie bald erreicht, eine Festanstellung aber nicht in Sicht. Das lässt die heimatverbundene Forscherin "mit Leib und Seele" manchmal etwas an der wissenschaftlichen Karriere zweifeln.

Aus Interesse und als zweites Standbein gründete Julia Seeber mit zwei Studienkollegen vor sechs Jahren eine Agentur für Webdesign. Abgeschlossen haben inzwischen alle drei, und die Firma läuft gut. Die Gründerin und Geschäftsführerin kümmert sich um kleinere Projekte und das Kaufmännische. Drei Monate arbeitete sie an der TU-Darmstadt für die Dissertation. Die sechste Schulstufe absolvierte sie gar in Gainesville, Florida, weil ihr Vater dort eine Gastprofessur hatte. Gemessen am Schulniveau hier empfand sie die Highschool als eher schlecht: "Lernen kann man ein gewisses Konkurrenzverhalten, mit dem ich mich aber nie besonders identifiziert habe." Ein längerer Auslandaufenthalt wäre der wissenschaftlichen Karriere sicher förderlich, aber mit einem, bald zwei Kindern, sei das vor allem für eine Frau schwierig, so Seeber. Doch die Hoffnung lebt. Forschung und Familie lassen sich für die junge Mutter grundsätzlich gut verbinden. Freilich: "Der Druck ist groß und die Uni-Stellen rar."

Auch ihre Freizeit verbringt sie gern in den Bergen zu Fuß, auf Tourenskiern oder mit Kletterausrüstung. Schwanger und mit einem zweijährigen Töchterchen liest sie momentan mehr und geht ins Kino. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. Juli 2007)

  • Ökologin, Mutter und 
Gründerin einer Webdesign-Firma: Julia Seeber.
    foto: privat

    Ökologin, Mutter und Gründerin einer Webdesign-Firma: Julia Seeber.

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