Prekäre Verhältnisse

17. Juli 2007, 18:45
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Über die Lage der Geistes-, Sozial- & Kulturwissenschaften

3420 Mitarbeiter zählen die geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Institute in Wien. Ein paar Hundert, die sich mit Werkverträgen und Jobs außerhalb der Wissenschaft durchschlagen, sind da nicht mitgerechnet. Basisfinanzierung und eingeworbene Fördermittel reichen laut einer Bestandsaufnahme des Wissenschaftszentrums Wien (WZW) aber nur für wenig mehr als tausend von ihnen. Auf eine Vollzeitstelle kommen drei Wissenschafter. Wobei die Lage für Frauen noch etwas prekärer ist: Rechnerisch kommen 3,4 Frauen auf das Vollzeitäquivalent bzw. 2,7 Männer. Geistes- und Sozialwissenschafter werden hierzulande häufig auf die Fördertöpfe der EU verwiesen. Sie werben dort auch tatsächlich etwas mehr ein, als Österreich anteilig einzahlt.

Die 1,8 Millionen Euro, die jährlich aus Brüssel nach Wien fließen, entsprechen allerdings nur 35 Vollzeitstellen, rechnet der vorliegende WZW-Bericht vor. Nachdem in den 1990er-Jahren gerade in den Sozialwissenschaften zahlreiche Institute gegründet wurden, konkurrieren die außeruniversitären Forscher heute immer öfter mit universitären Kollegen um Fördermittel und Aufträge. Die großteils anwendungs- und verwertungsorientiert vergebenen Mittel sichern den Instituten knapp das Überleben, geben den Wissenschaftern aber wenig Spielraum, sich in ihren Spezialgebieten langfristig zu etablieren, halten Ulrike Kozeluh, Andrea Holzmann-Jenkins und Rainer Hauswirth vom WZW fest. Die beste Perspektive habe in den letzten Jahren noch die Neuausschreibung der Ludwig-Boltzmann-Institute geboten.

Ihre Interviewpartner klagen, dass das Interesse der Fördergeber an ihren Ergebnissen und Expertisen sinke. Die Politik sei beratungsresistent, Berichte werden schubladisiert. Die Förderpolitik und ihre Institutionen werden als zersplittert empfunden. Das trage dazu bei, dass die Forschung unter ihren Möglichkeiten bleibt. Das WZW hoffte, die durch den Bericht gewonnene Expertise künftig als Lobby und Vermittler für die Wiener Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften zu nutzen. Seine Freigabe durch die Stadt Wien erhielt der im April vorgelegte Bericht erst nach einigen Eingriffen mit zweimonatiger Verspätung. Kurz zuvor wurde bekannt, dass die Stadt das WZW Ende August schließt. Das Institut war auch mit der Abwicklung des Fonds für Kunst im öffentlichen Raum betraut gewesen und dafür 2006 vom Kontrollamt gerügt worden. Diese Mittel werden künftig von einer neu gegründeten GmbH vergeben. (stlö, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. Juli 2007)

"Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften in Wien" kann als PDF über office@wzw.at angefordert werden.
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