Weniger Nabelschau, mehr Mut

17. Juli 2007, 18:47
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Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer wirft den Geisteswissenschaftern vor, zu wenige Debatten zu prägen, komplexen Inhalten auszuweichen und vor allem darüber zu reden, wie über etwas gesprochen wird

Die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften haben die Umwälzungen von 1989 nie verkraftet, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer. Man pflege Selbstmitleid und beschwöre die eigene Nutzlosigkeit. Stefan Löffler stellte die Fragen.

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Standard: Sie haben einmal geschrieben, die Geisteswissenschaften müssten vor den Geisteswissenschaftern geschützt werden. Wie meinen Sie das?

Welzer: Geisteswissenschafter erzählen gerne von Niklas Luhmann, dass er auf die Frage, was er zum Arbeiten brauche, antwortete: "Nur einen Block und einen Bleistift." Das bezieht sich auf die Klage, dass die Geisteswissenschafter von der modernen Forschungsförderung systematisch benachteiligt werden, weil sie nicht in Gruppen arbeiten und keine Apparate brauchen. Dieses klassische Selbstbild ist nicht nur nicht mehr zeitgemäß, sondern produziert auch Selbstüberforderung: Doktoranden leiden unter der Vorstellung, sie müssten die "Dialektik der Aufklärung" noch einmal schreiben, und werden dann ihren Lebtag nicht fertig.

Standard: Sie werfen den Geisteswissenschaften vor, wichtige Fragen zu meiden. Welche zum Beispiel?

Welzer: Wir haben eine Rückkehr der Klassengesellschaft, nur dass die sich nicht mehr nationalstaatlich äußert, sondern transnational über Wanderarbeiter, weltweit agierende Konzerne und internationales Management. Obwohl wir wissen, dass der Klimawandel enorme Migrationsströme, Verteilungskonflikte und Kriegsrisiken nach sich zieht, befassen sich die Kulturwissenschafter nicht damit.

Standard: Warum wagen sich so wenige Geisteswissenschaftler an Zeitfragen?

Welzer: Es hat viel mit dem Schock von 1989 zu tun, als sich die Welt von einem Tag auf den anderen verändert hat, ohne dass jemand das vorhergesehen hatte. Eine Reihe an Konzepten, die die Geisteswissenschaften bis dahin verwendete, stand in marxistischer Tradition und erwies sich nun als unbrauchbar. An den Vorlesungsverzeichnissen sah man, wie sich von 1989 auf 1990 die Themen änderten. Statt Marx wurde Max Weber gelesen. Bevor man etwas sagte, sagte man lieber nichts, damit nichts Falsches rauskommt. Es gab auch eine Verschiebung zu Diskurstheorien: Man spricht weniger darüber, was der Fall ist, sondern wie darüber gesprochen wird.

Standard: Den Umbruch von 1989 haben ältere Geisteswissenschafter als solche mitgemacht. Warum zeigt die jüngere Generation nicht mehr Mut?

Welzer: Weil sie in einer Kultur der Konzentration auf das Unauffällige, Unpolitische sozialisiert wurde. Wenn ich Klimawandel anspreche, sagen die: Wissen wir doch, Klimawandel ist eine mediengemachte Hysterie. Wir sind durch die Dauerreflektion über die ständig stattfindenden Diskurse schon so schlau, dass wir uns gar nicht mehr mit der Wirklichkeit da draußen beschäftigen müssen.

Standard: Gibt es weniger Geisteswissenschafter, die Debatten prägen?

Welzer: Absolut. Selbst für schwer verständliche Personen wie Adorno gibt es eine hohe mediale Präsenz. Oder Mitscherlichs "Unfähigkeit zu trauern", die "vaterlose Gesellschaft", all das ist in die Alltagskultur eingewandert. Als führende Intellektuelle gelten in Deutschland Günther Grass und Harald Schmidt.

Standard: Ist die Krise ein Dauerzustand, in dem sich die Geisteswissenschafter eingerichtet haben?

Welzer: Nabelschau und die Klage, warum nehmen uns die anderen eigentlich nicht wichtig, gehören zum Standardrepertoire. Ebenso die Klage über zu wenig Fördergelder, Lehrstühle, die gestrichen werden, oder das Desinteresse der Medien. Diese Krisenbeschreibung spiegelt sich an dem Selbstbild, dass man gleichzeitig möglichst nutzlos sein möchte und sagt: Wir können nur in der Nutzlosigkeit vernünftig arbeiten, sobald wir Verwertungszwängen unterliegen, entfaltet sich der ganze Zauber nicht.

Standard: Sie zeichnen eine Karikatur.

Welzer: Natürlich mache ich das, aber um Adorno zu zitieren: Nur in der Übertreibung scheint noch Wahrheit auf. Ich war vor einigen Monaten in Wien auf einem Podium zum Zustand der Geisteswissenschaften, und da teilte ein Soziologenkollege allen Ernstes dem verblüfften Publikum mit, dass seine Wissenschaft all das, was die Gesellschaft an Problembeschreibungen erwartet, überhaupt nicht leisten kann. In Deutschland sind wir im Jahr der Geisteswissenschaften, und da finden sich Stellungnahmen, wir müssen uns vor allen Nützlichkeitszumutungen schützen, ansonsten sind wir verloren! Das ist auch insofern fatal, weil ich meinen Studenten doch nicht mitteilen kann, dass sie sich in ihrer Studierkammer vor Verwertungszwängen schützen müssen. Die sollen doch etwas tun!

Standard: Die Gefahr, dass Geisteswissenschaften keine Beachtung mehr finden, besteht aber kaum, solange sie in so hohem Maße unter Medienschaffenden vertreten sind.

Welzer: Diesen Einfluss, den die angewandten Geisteswissenschaften auch in anderen Creative Industries haben, hat man in den Fächern noch gar nicht wirklich wahrgenommen.

Standard: Als großes Defizit gilt, dass die Qualitätskontrolle in den Geisteswissenschaften viel weniger ausgeprägt ist. Was halten Sie davon?

Welzer: Diese Evaluationseuphorie ist aber in hohem Maße von Fiktionen getragen. In den Naturwissenschaften funktionieren die Kontrollmaßnahmen gar nicht so gut, wie wir aus den Fälschungsskandalen der letzten Jahre wissen.

Standard: Was sollen Geisteswissenschafter auch fälschen?

Welzer: Sie können Plagiate abliefern. Interessant ist, warum die Schwindelsachen passieren. Weil die Evaluationssysteme sich im Grunde verselbstständigt und mit dem Begleiten von wissenschaftlicher Leistung herzlich wenig zu tun haben.

Standard: Und darum kommen die Geisteswissenschaften ohne Evaluation aus?

Welzer: Die spannende Frage ist doch: Welche Indikatoren kann ich finden, die Relevanz der Geisteswissenschaften zu messen. Ich würde sagen daran, inwieweit sie der Gesellschaft orientierendes Wissen bereitstellen. Das können Sie nicht mit einer Evalutationskommission, sondern anhand weicherer Faktoren ...

Standard: ... wie Medienpräsenz?

Welzer: Sie sagen das despektierlich. Ich würde sagen: öffentliche Äußerungen von guter argumentativer Qualität.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. Juli 2007)

Zur Person
Harald Welzer (48) leitet das Center for Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und ist Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten-Herdecke. Bekannt wurde er durch Studien über die Erinnerung an den Nationalsozialismus innerhalb von Familien und über das autobiografische Gedächtnis (mehrere Buchveröffentlichungen zum Thema: "Opa war kein Nazi", "Der Krieg der Erinnerung", "Täter – wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder wurden", "Das kommunikative Gedächtnis", "Das soziale Gedächtnis"). Zuletzt war er auch Mitherausgeber des Sammelbands "Ende der Bescheidenheit. Zur Verbesserung der Geistes- und Kulturwissenschaften" (2007).
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