Wer Risiken erkennt, kann sie steuern

17. Juli 2007, 18:41
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Mit "chance" hat das Forschungszentrum alpS ein Management-Tool zur Minimierung des Naturgefahrenrisikos entwickelt

Geschäftsführer Eric Veulliet sagt Jutta Berger, wie das Werkzeug zu gebrauchen ist.

Standard: Was kann Ihr Risikomanagement-Tool?

Veulliet: "chance" ist ein Produkt, das sehr komplexe, theoretische Modelle zum Risikomanagement auf eine praktikable Art reduziert. Ähnlich einem Managementkonzept kann es auf Gemeinde-, Bezirks- oder Landesebene verwendet werden. Es ist EDV, Workshop, Dienstleistung in einem. Ein Instrument, das dabei hilft, Risiken zu analysieren, zu bewerten, zu steuern und zu beobachten.

Standard: Damit sind aber noch keine Maßnahmen gesetzt.

Veulliet: Doch, das Risikobewusstsein zu schärfen ist eine Maßnahme, eine gewisse Vorbereitung. Wenn ich über Risiken rede, habe ich schon zur Risikoreduktion beigetragen, weil es mich nicht mehr kalt erwischen kann.

Standard: Kann man mit Risikomanagement Naturkatastrophen verhindern?

Veulliet: Man kann die Wahrscheinlichkeit, das Schadenspotenzial und Folgen frühzeitig erkennen, dadurch lassen sich präventive Maßnahmen zur Risikosteuerung setzen.

Standard: Ein Bürgermeister kauft sich "chance" und hat dann alles im Griff?

Veulliet: Das wäre zu einfach. Risikomanagement ist ein Konzept, ein andauernder Prozess, der kontinuierlich fortgeführt werden muss. "chance" hilft dabei, diesen Prozess strukturiert und standardisiert zu begleiten. Wesentliche Fragen auf Gemeindeebene sind: "Wie sieht das Risiko meiner Gemeinde aus? Welche Werte sind vorhanden?"

Standard: Risiken, wie Hochwasser, Muren oder Lawinen sind in den Gemeinden bekannt. Es gibt Gefahrenzonenpläne.

Veulliet: Ein Gefahrenzonenplan ist eine Gefahrenkarte, die zeigt mir meine Einwirkungsbereiche für normativ festgelegte, statistische Prozessfrequenzen an, aber nicht das eigentliche Risiko. Risikobetrachtung schaut sich nicht nur die Gefahr, sondern auch das Schadenspotenzial an. Risikomanagement ist keine Einzelmaßnahme, sondern ein fortlaufender Prozess.

Standard: Wie läuft so ein Prozess konkret ab?

Veulliet: Der erste Schritt, das erste Modul ist die Risikoanalyse und Risikobewertung. Auf Gemeindeebene werden mit den Schlüsselpersonen die möglichen Risiken ermittelt und priorisiert. Das geht über das Thema Naturgefahren hinaus, Risiken können auch Öl- bzw. Lkw-Unfälle oder ein möglicher Flugzeugabsturz sein. Dann muss ich mich fragen, ob ich dieses Risiko akzeptieren kann oder etwas tun muss. Das bedeutet, Maßnahmen zu setzen, das Risiko auf ein akzeptables Maß zu minimieren. Das dritte Modul ist die Risikoüberwachung. In regelmäßigen Zyklen wird überprüft, ob sich die Situation geändert hat.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. Juli 2007)

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Einblick in die Gefahren der Natur

Zur Person
Eric Veulliet, 1963 in Karlsruhe geboren, promovierter Hydrogeologe, ist Geschäftsführer von alpS, Zentrum für Naturgefahren Management in Innsbruck.
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